Die Arbeiter_innen der Union Sandalière – Eine solidarische Fluchterzählung aus den Pyrenäen

Die ehemalige Fabrik der Genossenschaft L'Union Sandalière im Pyrenäenort Saint-Laurent-de-Cerdans

Die ehemalige Fabrik der Genossenschaft L’Union Sandalière im Pyrenäenort Saint-Laurent-de-Cerdans

Am 26. Jänner 1939 fiel Barcelona. Spanien war faschistisch. Die Unterstützer_innen der Republik, vorwiegend Angehörige der starken anarchistischen Arbeiter_innen-Bewegung und verschiedener linker Parteien, mussten flüchten. Wenige Republikaner_innen versuchten den Fluchtweg über das Mittelmeer. In Alicante warteten madrilenische Kämpfer_innen auf die von Frankreich und Großbritanien versprochenen Schiffe. Ohne Nahrung, bei Kälte und Regen harrten sie drei Tage lang vergeblich aus. Stattdessen kamen italienische Kriegsschiffe und die Guardia Civil. Aus den Geflüchteten wurden Gefangene.

Schuhe aus der Produktion der Union Sandalière

Schuhe aus der Produktion der Union Sandalière

Die Retirada – Der Exodus der spanischen Republikaner_innen

Als Land-Fluchtweg wurde zuerst der einfachere, an der Mittelmeerküste gelegene, über das katalanische Portbou bzw. das französische Cerbère, gewählt. Während mittel- und osteuropäische Jüd_innen und von den Nazis politisch Verfolgte Richtung Spanien via Lissabon ihr Leben zu retten versuchten, traten in die Gegenrichtung 500.000 Spanier_innen die Flucht nach Frankreich an.

Im Februar 1936 hatte in Spanien die sogenannte Volksfront, ein Wahlbündnis aus linken und liberalen Gruppierungen, die Parlamentswahlen in Spanien gewonnen. Während in Europa gerade der Faschismus dabei gewesen war, die Macht an sich zu reißen, hatten sich die spanischen Arbeiter_innen von der Vorherrschaft der besitzenden und seit Jahrhunderten dominierenden Klasse der Grundbesitzer_innen und der katholischen Kirche emanzipiert. Sofort nach dem Wahlsieg setzte die Reaktion ein. Die spanische Armee putschte wenig erfolgreich. Während sich Teile der Bürgerlichen auf die Seite des Militärs stellten, unterstützte die starke anarchistische Arbeiter_innen-Bewegung trotz – wie sich später herausstellen sollte – berechtigtem Misstrauen die Volksfront-Regierung. Auf internationaler Ebene ergriffen die bereits faschistisch beherrschten Länder wie das nationalsozialische Deutschland und das mussolini-faschistische Italien Partei für Franquisten*, Falangisten* und Carlisten*. Westliche Regierungen wie die Großbritanniens oder der USA waren zwiegespalten. Einerseits sahen sie in einem faschistischen Spanien einen kommenden feindlichen Staat, andrerseits war ein linke, von der Sowjetunion unterstützte Regierung, auch keine Option. Für Stalin war die linke, unter großem Einfluss der starken anarchistischen Gewerkschaften stehende Republik zum Faustpfand gegen die Bedrohung Hitler-Deutschlands geworden. Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs schlossen Stalin und Hitler ihren Nichtangriffspakt.

Arbeiterin in der Genossenschaft Union Sandalière (Fotoc: Museum Saint-Laurent-de-Cerdans)

Arbeiterin in der Genossenschaft Union Sandalière (Fotoc: Museum Saint-Laurent-de-Cerdans)

Frankreich wiederum stand 1939 kurz vor dem Überfall durch Nazi-Deutschland. Innenpolitisch fürchtete die Daladier-Regierung eine Radikaliserung durch die geflüchteten spanischen Kämpfer_innen und internationalen Brigadist_innen. Mitten in einem besonders strengen Winter wurde nun auch die beschwerliche und für viele tödliche Flucht über schneebedeckte Pyrenäenpässe gesucht. Kurzfristig sperrte Frankreich am 28. Jänner die Grenze aus Angst vor denen, die sich für Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung einsetzten. Die Geflüchteten saßen fest. Erst als sich flüchtende republikanische Bataillone der Grenze näherten, entschloss sich Frankreich, die Grenzen wieder zu öffnen, um mögliche Kampfhandlungen abzuwenden.

Über Cerbère, Banyuls, Port-Vendres am Land- und Seeweg, Le Perthus, La Vajol-Las Illas, Lamanère, Prats-de-Mollo, Py-Mantet, La Cerdagne und Saint-Laurent-de-Cerdans über die Pyrenäen erreichten die Kolonnen der Flüchtenden Frankreich. Der britische Journalist Henry Buckley vermerkte zu diesen Fluchtgeschichten: „Es gibt eine Geschichte, die ich gewünscht hätte nie schreiben zu müssen, und das war die über die Ankunft der Flüchtlinge in Frankreich.“ (zitiert in: Heleno Saña)

Fast geschafft. Nach sieben Stunden Fußmarsch durch die Wälder erreichten die geflüchteten Republikaner_innen Saint-Laurent-de-Cerdans.

Fast geschafft. Nach sieben Stunden Fußmarsch durch die Wälder erreichten die geflüchteten Republikaner_innen Saint-Laurent-de-Cerdans.

Über dem Tal der Tech

Hoch über dem Tal des Flusses Tech, inmitten riesiger und ursprünglicher Kastanienwälder, liegt Saint-Laurent-de-Cerdans. Der kleine Ort in den Pyrenäen lebte seit der Teilung Kataloniens vom Schmuggel, den Wäldern und Erzen. Mit der Industrialisierung hatte die Eisenverarbeitung an Bedeutung gewonnen, und die Produktion von Fassdauben für die Weinbaugebiete des Languedoc-Roussillon hatte 1913 sogar eine Erschließung per Gebirgsbahn rentabel gemacht. Mit dem Ende des 1. Weltkrieges war ein tiefgreifender Strukturwandel erfolgt: Webstühle hatten die glühende Esse verdrängt. Die Selbsthilfebestrebungen der Arbeiter_innenbewegung war auch an den Laurentins* nicht vorüber gegangen. 1908 hatten sie eine Konsumgenossenschaft gegründet, „Les travailleurs/travailleuse syndiquées“, aus der heraus u.a. ein Bildungshaus, eine allen zugängliche Badeanstalt und ein Kino entstanden war. 1923 hatten die organisierten Arbeiter_innen beschlossen, hier eine Produktionsgenossenschaft zu gründen, mit dem Zweck Espadrillos herzustellen. Die Union Sandalière, Cooperative Ouvrière de Production war geboren und durfte sich im Ballsaal der Konsumgenossenschaft einrichten. Die Kooperative und der Ballsaal sollten in dieser Geschichte noch eine wichtige andere Rolle spielen.

Schuh aus der Produktion der Union Sandalière

Schuh aus der Produktion der Union Sandalière

In ihrer besten Zeit zählte die Union Sandalière mehr als tausend Genossenschafter_innen, die Espadrillos für die ganze Welt herstellten. Berühmte Models posierten für internationale Hochglanzmagazine mit dem Schuhwerk aus Saint-Laurent-de-Cerdans. 1979 sollte die Genossenschaft wegen der nachlassenden Nachfrage geschlossen werden. 1991 würde auch die Konsumgenossenschaft zugesperrt werden.

Arbeiterin in der Genossenschaft Union Sandalière (Fotoc: Museum Saint-Laurent-de-Cerdans)

Arbeiterin in der Genossenschaft Union Sandalière (Fotoc: Museum Saint-Laurent-de-Cerdans)

Für die flüchtenden spanischen Republikaner_innen stellte der siebenstündige Marsch durch das kaum überwachbare Gelände, die „wilde Grenze“, wie sie der Historiker Jaques Saquer bezeichnet, eine sichere Passage dar. Die dichten Wälder schützten vor den Bomben der Franquisten*, und Frankreich war auf diese Fluchtroute vorerst völlig unvorbereitet.

Die genaue Zahl der Menschen, denen über Saint-Laurent-de-Cerdans die Flucht gelang, ist nicht bekannt. Die regionale Tageszeitung L’Indépendant berichtete am 14. Februar 1939, dass in den vergangenen 14 Tagen mehr als 35.000 Menschen im Ort eintrafen. Die lokale Polizei wurde durch Einheiten der paramilitärischen Garde Mobile und einer Infanterieeinheit des französischen Militärs verstärkt. Auch die genaue Anzahl der mitgebrachten Pferde, Mulis, Schweine, Ziegen und Kühe ist unbekannt. Jedenfalls waren es so viele, dass die Dorfbewohner_innen ungläubig staunten und erst Platz für ihre Unterbringung suchen mussten.

An der "wilden Grenze": Saint-Laurent-de-Cerdans in den französischen Pyrenäen

An der „wilden Grenze“: Saint-Laurent-de-Cerdans in den französischen Pyrenäen

Solidarisch in den gemeinsamen Kämpfen

Hospitalité, Gastfreundschaft, wurde von den Arbeiter_innen in Saint-Laurent-de-Cerdans als solidarische Gastfreundschaft gelebt. Die Bewohner_innen schufen sofort Platz für die Ankommenden. Die Arbeiter_innen der Union Sandalière richteten im Ballsaal ein Notquartier ein. Miguel Jordana (Link öffnet pdf), der mit hunderten anderen von Lamanère nach Saint-Laurent-de-Cerdans gebracht wurde, erzählt: „Ich bat um etwas Essen und sie brachten mir Rühreier und eine Halbliterflasche Wein. Es war ein Festmahl. Und ich musste dafür nicht bezahlen.“ Nachdem er gegessen und getrunken hatte, wurde er von einem Anwesenden zu ihm nach Hause eingeladen. Mit dessen fünfjähriger Tochter lernte er gemeinsam französisch.
Die solidarische Gastfreundschaft der Arbeiter_innen begründet sich vermutlich in den gemeinsamen Kämpfen um Selbstbestimmung und Freiheit. Und vielleicht schwang auch ein Stück nationalistisch motivierte Solidarität zwischen französischen Nord- und spanischen Südkatalan_innen mit, wie sie auch zwischen Bask_innen im nördlichen und südlichen Baskenland gelebt wird.

Espadrillo aus der Produktion der Union Sandalière

Espadrillo aus der Produktion der Union Sandalière

Trotz praktischer Solidarität konnte ein Leben in der temporären Geborgenheit der Genossenschaft erlebte Erfahrungen nicht auslöschen. Wenn die Maschinen in der Espadrillo-Fabrik angingen, seien die hier Untergebrachten aufgeschreckt, weil sie dachten, es hätte ein Bombardement gegeben, erzählt der Zeitzeuge Louis Roques der La Semaine du Roussilon vom Jänner 1999 von den Traumatisierungen der in der Usine Versorgten. .

Zurück im Empfangsbereich des Tourist Office, das heute in der ehemaligen Fabrik untergebracht ist, erzählt eine Frau: „Es war selbstverständlich, dass die Leute im Ort die Geflüchteten aus dem Erstaufnahmelager rausholten und bei sich zu Hause unterbrachten. Auch meine Eltern beherbergten geflüchtete Menschen.“ Trotzdem reichten die Unterkunftmöglichkeiten in dem kleinen Bergdorf nicht aus, um die große Zahl menschenwürdig unterzubringen. Manche zogen es freiwillig vor, in den umliegenden Kastanienwäldern zu leben, um auf den Weitertransport in die Internierungsager entlang der französischen Mittelmeerküste zu warten. Hätten sie eine Ahnung gehabt, welche kaum vorstellbaren Grausamkeiten sie dort erwarten werden, wären sie vermutlich rasch in den Wäldern untergetaucht.

Arbeiterin in der Genossenschaft Union Sandalière (Fotoc: Museum Saint-Laurent-de-Cerdans)

Arbeiterin in der Genossenschaft Union Sandalière (Fotoc: Museum Saint-Laurent-de-Cerdans)

Mitte März 1939 gelangen die letzten Fluchten. Der Faschismus siegte dank europäischer faschistischer Unterstützung im Zusammenspiel mit der bürgerlichen Ambivalenz zu Anti-Faschismus bzw. der klassistischen Ablehnung des Proletariats. Der Bürgerkrieg war zu Ende. Sofort setzten die Repression und die Rache des Franco-Regimes mit aller Brutalität ein. „Man muss von einem perfekten Ausrottungsprozess der politischen Kräfte sprechen, die die Republik herbeigeführt und aufrecht erhalten haben“, wird später der den Sozialdemokrat_innen nahe stehende Historiker Guillermo Cabanella vermerken (zitiert in: Heleno Saña). Der katalanische Regierungspräsident Lluís Companys wurde nach seiner Abschiebung aus Frankreich im Schnellverfahren abgeurteilt und füsiliert. Insgesamt wurden 3.400 Republikaner_innen Opfer des franquistischen Staatsterrors.

"Wir betreten befreundetes Territorium." Lluis Companys irrte, als er bei Las Illas nach Frankreich gelangte.

„Wir betreten befreundetes Territorium.“ Lluis Companys irrte, als er bei Las Illas nach Frankreich gelangte.

Das Gebäude der ehemaligen Espadrillo-Fabrik wird heute immer noch als Kino genutzt und behielt den Namen der travailleurs_euse syndiqué_e_s. Das Industriemuseum bzw. der Erinnerungsort, zeigt in dessen erster Etage die Produktion der Espadrillos, die zum überwiegenden Teil von Frauen hergestellt wurden. Das obere Stockwerk dokumentiert die Retirada, den Exodus der anarchistischen und linken Republikaner_innen. Auf die Gastfreundschaft und auf die praktische Solidarität des Dorfes mit den Geflüchteten findet sich hingegen kein Hinweis, Unter den vielen Fotos ist keines zu sehen, das den gemeinsamen Alltag zeigen würde. „Vor ein paar Jahren kam jemand und gestaltete den Raum neu. Da flog alles raus, was diese Solidarität zeigte. Dabei ist doch heute alles wie früher. Wir brauchen diese Solidarität heute genauso wie damals“, sagt die sympathische Frau in der Tourist-Info.

Schuhe aus der Produktion der Union Sandalière

Schuhe aus der Produktion der Union Sandalière

Quellen:
Französisch:
Serge Barba, De la Frontière aux Barbelés [in etwa: Von den Grenzen mit Stacheldrahtzaun], Les chemins de la Retirada 1939, www.trabucaire.com, Erhältlich an fast allen Erinnerungsorten südlich und nördlich der Pyrenäen.
Deutsch:
Heleno Saña: Die libertäre Revolution Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg, Edition Nautilus