Eine Handgranate, wie ein runder Apfel in meinem Sack – Kaj maramo mi

Antifaschistisches Monument zur Erinnerung an die auf der Saualpe gefallenen Partisan_innen. Ursprünglich in St. Rupprecht errichtet, wurde es 1953 von unbekannten Täter_innen gesprengt. Nachdem es die Behörden nicht wieder herstellten, wurde es am Peršmanhof 1983 auf Initiative der Kärntner Partisan_innen wieder errichtet.

Antifaschistisches Monument zur Erinnerung an die auf der Saualpe gefallenen Partisan_innen. Ursprünglich in St. Rupprecht errichtet, wurde es 1953 von unbekannten Täter_innen gesprengt. Nachdem es die Behörden nicht wieder herstellten, wurde es am Peršmanhof 1983 auf Initiative der Kärntner Partisan_innen wieder errichtet.

„Es war ein Sonntag. Aus allen Gräben sammelten sich die Leute. In Kappel drin warteten schon die Nazis auf uns. Ehemalige SS-ler, Parteigenossen, Hitlerjugend und Ustascha – alles war an diesem Tag nach Eisenkappel/Železna Kapla gekommen. Auch die Gendarmerie hatte von überall her ihre Leute zusammengezogen.“ (Jelka)

 

Am 16. März 1947 kam es im slowenisch- und deutschsprachigen Kärntner Eisenkappel / Železna Kapla zu einer Manifestation antifaschistischer Slowen_innen. „Jeder soll wissen, dass wir noch da sind.“ Präsenz zeigen war das formulierte Ziel. Mit dem Ende des Nationalsozialismus war in Koroška / Kärnten weder die Repression gegen Slowen_innen Geschichte noch der Faschismus.

Die Transformation der Eliten hob wieder einmal das System von Herrschenden und Verfolgten nicht auf. „Die Engländer haben Eisenkappel / Železna Kapla besetzt. Sie stellen wieder die alten Polizist_innen ein. Es war alles für nichts,“ gibt die Widerstandskämpferin Jelka die Verzweiflung ihres Bruders wider, nachdem klar wurde, dass die Verfolgung der slowenischen Partisan_innen mit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht zu Ende sein wird. (Die britischen Militärbehörden verweigerten Kärntner Slowen_innen das Visum zur Teilnahme an den Staatsvertragsverhandlungen in London, Kärntner Slowen_innen wurden von den Militärs wiederholt verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.)

Auch den Nazis fiel der Wechsel von Faschismus zu Demokratie nicht allzu schwer: „Seine Gedanken“ (sic!) leben weiter, setzen wir uns nun für ein freies und ungeteiltes Kärnten ein, so Gauleiter* (dessen Name möchte ich hier nicht stehen haben) am 7. Mai 1945 in der „Verabschiedung“.

Jelka, übersetzt: Tanne, war der Partisan_innenname der 1906 geborenen Helena Kuchar. In arme Verhältnisse geboren macht die Magd, was auch heute noch als eine „gute Partie“ bezeichnet wird: Sie verheiratet sich mit einem reichen Bauernsohn. Da dessen Eltern die Hochzeit nicht gutheißen und das Ding mit der Liebe nicht kennen, beginnt der soziale Abstieg. Aus dem Bauern wird ein lohnabhängiger Arbeiter, der die ökonomische und soziale Brutalität des Austrofaschismus tagtäglich erleben wird müssen. Der lokale Feudaladel dominiert Herrschafts- und Besitzverhältnisse und bewaffnet die Heimwehr, den paramilitärischen Arm des Austrofaschismus gegen die Arbeiter_innenbewegung. Später wird Jelkas Partner von den Nazis zum Kriegsdienst verpflichtet und zur Aufstandsbekämpfung in Slowenien eingesetzt. Zur gleichen Zeit verschärfen sich auch in Koroška / Kärnten die Verhältnisse.

Die Bewohner_innen des Peršmanhof wurden ermordet oder überlebten nur durch Zufall, der Hof wurde angezündet. Dieses Wirtschaftsgebäude blieb erhalten.

Die Bewohner_innen des Peršmanhof wurden ermordet oder überlebten nur durch Zufall, der Hof wurde angezündet. Dieses Wirtschaftsgebäude blieb erhalten.

Jelka sieht sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht als politisch denkend, verweigert aber dennoch Aussagen, wenn sie von Repressionsbehörden befragt wird, legt falsche Fährten und gibt sich unwissend. Vielleicht hat Jelka den Satz der Eisenkappelerin Marianne Scharfberg „zuerst trifft eS uns Jüd_innen, dann euch Slowen_innen“ im Kopf, wenn sie das opportunistisch gemeinte Angebot zur Kompliz_innenschaft manchmal mehr diplomatisch, manchmal sehr direkt ablehnt. Der Wechsel von Kooperation zu Verfolgung vollzieht sich oft unerwartet rasch. So rasch wie der tatsächliche Verwendungszweck des großflächigen Barackenbaus bei Klagenfurt bekannt werden sollte, durch den Jelkas Mann wieder Arbeit fand. Sie dienten alsbald den Nazis als Sammellager slowenischsprachiger Kärntner_innen für die weitere Deportation in die Todeslager.

Die erzählte, auf Tonbändern aufgezeichnete, Autobiografie der Partisanin Helena Kuchar fördert, nur scheinbar subjektiv, den österreichischen Nachkriegswahnsinn zu Tage. Jelkas Lebensgeschichte entblößt ein System, dessen Stoßrichtung eine wirksame Desavouierung der Entfaschisierung war. In wenigen Absätzen hält sie beinahe beiläufig die Voraussetzung für das Gelingen des anti-antifaschistischen Nachkriegskonsenes fest. Einem Grundstein für die Kontinuität des allgegenwärtigen institutionellen Rassismus in der 2. Republik.
Weniger als ein knappes Jahr nach Kriegsende demonstrieren in Celovec / Klagenfurt Kärtner Slowen_innen im Gedenken an den Beginn der Deportationen am 15. April 1943. Der Gedenkmarsch wird von Polizist_innen gemeinsam mit Nazis und auf freien Fuß gesetzten deutschen Kriegsgefangenen mit Steinen und Prügeln angegriffen. Vor dem Angriff führte die Polizei noch Identitätsfeststellungen durch. Der Versuch, am Friedhof von Eisenkappel / Železna Kapla ein Monument für 136 Opfer des Nazismus zu errichten, wurde bis 1960 von der katholischen Kirche  verhindert.

Die faschistische Kontinuität dieses Landes lässt sich daran festmachen, dass die permanente Aggression gegen die slowenische Bevölkerungsgruppe in Koroška / Kärnten und gegen antifaschistische Aktivist_innen im Allgemeinen bis heute andauert.

1959 wurde etwa die Zweisprachigkeit an den Schulen aufgehoben, 1972 wurden zweisprachige Ortstafelschilder durch den „Ortstafelsturm“ verhindert. 1976 wurde das Zugeständnis von Minderheitenrechten an das ausdrückliche Bekenntnis zum Slowen_innentum gekoppelt.
In den 1980ern wurde eine Demonstration Kärntner Slowen_innen von der Polizei brutal niedergeprügelt. Dieser Vorfall bildete den Anlass, die Befugnisse der Polizei in einem längst überfälligen, gesonderten Gesetz zu regeln. Zwanzig Jahre später (2006) wurde die Ausstrahlung der Dokumentation „Artikel 7. Unser Recht“ von der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ORF wegen angeblich mangelnder Objektivität verhindert.

Dass die Gründe für ausreichend Zorn nicht versiegen, dafür sorgen einflussreiche deutschtümelnde, faschistoide Kaderorganisationen, die sich heute in der „Mitte“ der Gesellschaft wähnen.

Ich habe bei den Partisanen nur eine Handgranate gehabt, sie war wie ein runder Apfel in meinem Sack. Ich habe immer Angst gehabt, dass ich nicht drauffalle und sie von allein losgeht.

„Dann erzählte sie die Geschichte von ihrem ersten Zorn.“

 

Lesetipps:
Helena Kuchar, Jelka, Aus dem Leben einer Kärntner Partisanin. Verfasst von Thomas Busch und Brigitte Windhab. Drava Verlag 2009.
Das im Wallstein Verlag erschienene Buch „Peršman“, herausgegeben von den Gestalter_innen des neu gestalteten Museums am Hof, Lisa Rettl und Gudrun Blohberger in Zusammenarbeit mit dem Verband der Kärntner Partisanen und Društvo / Verein Peršman.

Text von Tina Leisch: Pri Peršmanu – Peršmanhof http://www.gedenkdienst.at/index.php?id=318

Hinweise:
Am 28. Juni 2015 findet am Peršmanhof, wo fast die ganze Familie Sadovnik von Nazis ermordet wurde, ein Spominsko Srečanje / Gedenktreffen statt.
Der Erinnerungsort Peršmanhof ist von Mai bis Oktober geöffnet.

Anreise:
Vom Norden durch das Zentrum Bad Eisenkappel bis vor die Brücke, hier scharf links dem Wegweiser folgen. Beim SO36 Graffiti entlang…

Zur Website des Peršmanhof http://www.persman.at/