Weihnacht im Kerker

Silvester zum Häfen

Silvester zum Häfen

In Zeiten zunehmender Verhärtung und Repression im alltäglichen Überlebenskampf bringen Gedichte zwar wenig Trost, aber vielleicht Klarheit, Ermunterung und im besten Fall ein Stück mehr an Solidarität.

Gewidmet den politischen Gefangenen*, die für eine herrschafts- und angstfreie Welt eintreten, allen Menschen, die durch willkürliche Grenzregime in Abschiebeknästen festgehalten werden, die auf Grund ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebensentwürfe Verfolgung ausgesetzt sind.

Richard Zach: Weihnacht im Kerker

Und wieder Weihnacht… wieder hinter Gittern…
Im fernsten Winkel feiern sie die Liebe,
die Menschenliebe… Und in Stahlgewittern
verstöhnen andere, zerfleischt von Splittern.
Und Henker wecken dumpfe Mördertriebe.

Und wieder Weihnacht, wieder hinter Gittern!
Viel Hände schmücken gläubig Tannenzweige.
Und Heuchler predigen… Und Herzen zittern…
Wer hat wohl Grund, jetzt trotzig zu verbittern?

Uns aber, eingepfercht in düstren Zellen,
dem Tod bestimmt, weil wir nicht feige litten
die Willkür, wird kein Weihnachtslicht erhellen.
Denkt stets: Uns hilft kein Augenüberquellen,
kein Liebestraum! Erst wenn das Recht erstritten,

erst wenn vor eurem Haß die Unterdrückung
zerbrochen ist, die heute sich verbirgt
heimtückisch in weihräuchernder Verzückung,
erst dann habt ihr ein Friedensfest erwirkt.

Richard Zach wurde am 27. Jänner 1943 in Berlin hingerichtet.
In der Zeit seiner Gefangenschaft in den Häfen Graz-Karlau und Berlin Moabit verfasst „der Eingekerkerte angesichts physischer und psychischer Drangsal in einem Schaffensfieber mehrere hundert Gedichte“, schreibt Christian Hawle, Herausgeber der Kassibertexte Die schönen Worte fallen welk und fremd…

Die kleinen und kleinsten Kassiber wurden in Gummizüge von Schmutzwäsche eingenäht oder Besucher_innen per Handschlag weiter gegeben oder in Nebenzellen gemorst.

Richard Zach wurde am 3. September 1942 von den Nazis wegen „der Vorbereitung zum Hochverrat und zugleich auch der Feindbegünstigung“ zum Tod verurteilt. Erschwerend wurde ihm zur Last gelegt, „intelligent und auffallend schreib- und redegewandt“ zu sein. Er sei ein gefährlicher Agitator für den Kommunismus und könne deshalb nicht mit Milde rechnen.

„Das tat er auch nicht,“ schreibt Erick Hackl, „seine Kassibergedichte nehmen das eigene Sterben ohne Bitterkeit vorweg – und setzen sich doch, trotzig manchmal, dann wieder zart, bisweilen mit stürmischer Selbstironie, über die Gewissheit des nahen Todes hinweg. Im liedhaften, balladesken Ton, der ihm besonders lag. Die Gedichte bedürften des Vortrags, sollten laut gesprochen werden, schrieb er einmal. Oder vertont, gesungen.“

„Immer wieder sollen klingen
meine, meine Freiheitslieder.“

 

“Silvester zum Häfen“-Demo
Dienstag, 31. Dezember 18.00 Uhr, Justizanstalt Wien-Simmering, Kaiser Ebersdorfer-Straße 297, 1110 Wien.

Lesetipp:
Richard Zach, Die schönen Worte fallen welk und fremd…, Kassibertext, herausgegeben von Christian Hawle, Verlag Bibliothek der Provinz.

Link:
Das andere Österreich von Erich Hackl http://www.kpoe-steiermark.at/erich-hackl-ueber-richard-zach.phtml