Wegskizze: F-Weg trifft Ruta Líster

Blick auf die Route Líster

Zwei Fluchtwege: Blick vom F-Weg auf die Route Líster

Auf dem Tour de Querroig, nahe der französisch-spanischen Grenze in den Pyrenées Oriéntales, treffen einander zwei Pfade. Der eine Fluchtweg vor dem nationalsozialistischen Regime, der andere vor dem Franco-Regime. Folge 4.

Hier auf dem Bergkamm des Tour de Querroig, wo die Schönheit des Ausblicks Lisa Fittko begeistert hatte, trennen – oder treffen – einander zwei Wege, die immer auch dafür benutzt wurden, Menschen und Waren zwischen den Grenzen zu transferieren: Während der F-Weg oder Walter Benjamin-Weg direkt auf der anderen Seite des Bergs steil hinunter ins Tal in den spanischen Grenzort Portbou führt, verläuft die Ruta Líster den Kamm entlang nach Llança. Sie ist benannt nach dem kommunistischen General Enrique Líster, der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte und im Februar 1939 mit den überlebenden Kämpfer_innen seiner Truppe Spanien über die Pyrenäen nach Frankreich entkam, wo sie entwaffnet und im Lager Argelès-sur-Mer interniert wurden.

Líster gilt heute als republikanischer Held, dass er bei der Zerstörung anarchistischer Agrarkollektive in Aragonien mitwirkte und mit äußerster Brutalität gegen Anarchist_innen vorging, ging kaum in die offizielle Geschichtsschreibung ein. Die Route Líster ist nur einer von vielen Wegen über die Pyrenäen, auf denen nach dem verlorenen Bürgerkrieg, nach der niedergeschlagenen anarchistischen Revolution, über 500.000 Menschen vor dem Franco-Regime nach Frankreich flohen. La Retirada, so wird die Massenflucht genannt, die sich binnen kaum mehr als zwei Wochen vollzog.

Kurze Zeit später sollten jedenfalls rund 50.000 Menschen vor den Nazis und dem französischen kollaborierenden Vichy-Regime in die Gegenrichtung flüchten. Humanitäre, antifaschistische und kommerzielle Fluchthelfer_innen und Schlepper_innen sowie Organisationen wie das US-amerikanische Emergency Rescue Committee und Adrian Fry, mit dem Lisa Fittko und Hans Fittko kooperierten, organisierten die Fluchten, die oft über die Mittelmeerküste, seltener über die Zentralpyrenäen vorerst nach Spanien führten, kümmerten sich um falsche Papiere und gekaufte Stempel.

Literatur:
BARBA, Serge (2009): De la Frontière aux Barbelés. Les chemins de la Retirada 1939.

FITTKO, Lisa (1985): Mein Weg über die Pyrenäen – Erinnerungen 1940/41. München.