Wegskizze: Der Aufstieg auf den Tour de Querroig

coll de rumpissa

Blick vom Coll de Rumpissa Richtung Llanca

Mit Lisa Fittko und Walter Benjamin auf dem steilen Pfad in Richtung französisch-spanischer Grenze. Wie es möglich ist, sich über das Gehen und Erzählen Geschichte anzueignen und in Geschichtsschreibungen einzugreifen. Folge 3.

„Nach dem Aufstieg durch die grünen Hügel, die sacht ins Meer ausliefen, verlief unser Pfad parallel zur wohl bekannten »offiziellen« Straße, die am Gebirgskamm entlangführte und leicht gangbar war. Unser Weg – la route Lister und ein uralter Schmugglerpfad – lag unterhalb der Straße und war durch den Gebirgsüberhang verdeckt, so dass er von den französischen Grenzwachen, die oben patrouillierten, nicht gesehen werden konnte. An einigen Stellen kamen sich die beiden Wege sehr nahe, und dort mussten wir uns still verhalten.“

(Fittko 2004, S. 147)

Das Gehen hat es mir angetan. Ich denke, dass es nötig ist, sich in einer fremden Stadt ausgiebig zu verlaufen, um sie kennen zu lernen. „Zusammen, sagte ich, werden wir Feuer kochen und Fische anhalten. Da sah sie mich an und lächelte ganz fein und weil sie wußte, daß ich einer zu Fuß war und daher ungeschützt, verstand sie mich“, schreibt Werner Herzog in seinem Roman „Vom Gehen im Eis“, und bezeichnet das Gehen als Praxis, die das Potenzial hat, einen Menschen zu verändern – in diesem Fall, ihn hellhöriger zu machen, feinfühliger und dünnhäutiger. Eigenschaften, die möglicherweise notwendig sind, um aufmerksam zu werden auf jene Ereignisse und Praktiken, auf die nicht die Denkmäler auf den großen Plätzen verweisen, sondern die sich an abgelegenen Pfaden, unscheinbaren Straßenecken und schlecht befestigten Wegkreuzungen begeben haben.

Die Hänge werden bald steiler, den Weinstöcken sind die unwirtlicheren Bedingungen hoch oben bald anzusehen. Der schmale Pfad, der sich von Banyuls-sur-Mer in den Pyrénées Orientales entfernt, führt uns hoch in ein Pinien- und Korkeichenwäldchen, den Bergrücken nach oben und Richtung französisch-spanische Grenze. Nach einem tropfenden Rinnsal, das Fluchthelferin Lisa Fittko, die zahlreiche vom NS-Regime Verfolgte – darunter den marxistischen Denker Walter Benjamin – auf diesem Weg ins sicherere Spanien brachte, als Wegmarker diente, zeigt sich die Felswand des Tour de Querroig, wo der letzte Weingarten ausläuft. Nach dem Wäldchen wird die Landschaft alpin, der recht direkte Weg zum Gipfel felsig und geröllig.

Es ist möglich, sich Orte anzueignen, indem eine_r sich diese ergeht. Wien habe ich so kennen gelernt: Indem ich es mir auf den Donnerstagsdemos gegen die schwarz-blaue Regierung ergangen habe. Über das Gehen und Erzählen wird es möglich, sich Geschichte so anzueignen, dass sie zwar nicht als selbst erlebt erinnert wird, aber so in Fleisch und Blut übergeht, dass sie das eigene Denk- und Handlungsrepertoire erweitert und später als eine von mehreren Handlungsmöglichkeiten darauf zugegriffen werden kann. Die Bedeutung des konkreten Orts besteht nicht nur darin, dass Erinnerung eines solchen bedarf, sondern auch im „Einhängen“ von Geschichten in Orte, die dazu führen, dass diese Orte für ihre Bewohner_innen und Nutzer_innen eine andere Qualität erfahren.

Kein Wunder, dass auch der Erzähler Walter Benjamin der Universalgeschichte eine Absage erteilt, zugunsten großer und kleiner Geschichten, die der/die Chronist_in erzählt, um „nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben“, wie Benjamin in seinem Text ‚Über den Begriff der Geschichte‘ schreibt. Geschichtsschreibung hat bei Benjamin nichts zu tun mit einer Re-Konstruktion von Geschichte, die außerhalb von Zeit und Ort steht, sondern ist die Konstruktion von Geschichten, die immer in einer spezifischen Jetzt-Zeit kontextualisiert sind.

Jede Geschichte balanciert zwischen zukunftsgerichtetem Raum und vergangenheitsorientiertem Ort, zwischen denen Aleida Assmann unterscheidet; Erinnern und Erzählen sind zwei Seiten einer Medaille: Gedächtnis basiert auf Narrativen, die den unüberbrückbaren Zwiespalt zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit zu überwinden trachten, so der Kulturtheoretiker Wolfgang Müller-Funk. Konservative Konzepte des Gedächtnisses und des Erinnerns versuchen, diese Differenz zu vergessen und gehen vom Gedächtnis als Speicherraum aus, während fortschrittlichere Konzepte den konstruktiven und fragmentarischen Charakter von Erinnerung betonen. Erinnern wird zum diskontinuierlichen Prozess der Aktualisierung, der beim Erzählen einsetzt. Mit Benjamin Geschichte zu erzählen beschreibt eine Praxis, die in Zeit und Raum situiert ist, absichtsvoll und parteilich für die Verlierer_innen, die Marginalisierten, die Widerständigen, und eine Praxis, die ihr Augenmerk auf deren Handlungsspielräume legt, mögen sie noch so klein gewesen sein.

„Schließlich erreichten wir den Gipfel. Ich war vorausgegangen und machte Halt, um mich umzusehen. Das Bild erschien so unverhofft vor mir, dass ich einen Augenblick an eine Fata Morgana glaubte. Weit unten, von wo wir gekommen waren, sah man wieder das tiefblaue Mittelmeer. Auf der anderen Seite, vor uns, fielen schroffe Klippen ab auf eine Glasplatte aus durchsichtigem Türkis – ein zweites Meer? Ja natürlich, das war die spanische Küste. Hinter uns, im Norden, im Halbkreis, Kataloniens Roussillon mit der Cote Vermeille, der Zinnober-Küste, einer herbstlichen Erde mit unzähligen gelb-roten Tönen. Ich schnappte nach Luft. Solche Schönheit hatte ich noch nie gesehen.“
(Fittko 2004, S. 150 f.)

Fortsetzung folgt.

Literatur:
ASSMANN, Aleida. 2009. Geschichte findet Stadt. In: Csáky, Moritz/Leitgeb, Christoph. 2009. Kommunikation – Gedächtnis – Raum. Kulturwissenschaften nach dem ‚Spatial Turn‘. Bielefeld: 8-16.
BENJAMIN, Walter (1977): Über den Begriff der Geschichte. In: Benjamin, Walter. Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1. Frankfurt am Main: 251-261.
FITTKO, Lisa (1985): Mein Weg über die Pyrenäen – Erinnerungen 1940/41. München.
HERZOG, Werner (1978): vom Gehen im Eis. München-Paris 23.11. bis 14.12.1974. Frankfurt am Main.
MÜLLER-FUNK, Wolfgang (2008): Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung. Wien.