Die Fluchthelfer_innen von Banyuls-sur-Mer

Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41. Reihe Hanser.

Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41. Reihe Hanser.

Der sozialistische Bürgermeister Azéma arbeitet mit Lisa Fittko die Fluchtskizze für einen Schmugglerweg aus, auf der sie am besten vor den Faschist_innen Geflüchtete über die Grenze nach Spanien bringen kann. Folge 2.

„In Banyuls, dem letzten Ort vor der Grenze, gab es einen Bürgermeister, Monsieur Azéma. Er sei Sozialist und zudem bereit, den Emigranten zu helfen. Zuerst musste ich also mit ihm und, wenn möglich, mit anderen, den Emigranten wohl gesinnten Einheimischen vorsichtig Verbindung aufnehmen. Es klappte überraschend schnell. (…) Monsieur Azéma verrät mir einen sicheren, geheimen Schmugglerweg. Er nannte ihn la route Lister; General Lister von der spanischen republikanischen Armee hatte ihn während des Spanischen Bürgerkriegs für seine Truppen benutzt.“
(Fittko 1984, S. 137f.)

Ein kleiner Grenzort am Golfe du Lion in den Pyrénées Orientales in Languedoc-Roussillon, einigermaßen ruhig und verschlafen, doch macht die touristische Infrastruktur – Tafeln auf Spanisch und Englisch vor den Bars und Gaststätten, die zentral und direkt am Strand gelegene Tourist-Info, die jetzt geschlossenen Imbiss- und Bootsvermietungsbuden, die Gastgärten entlang der Hauptstraße – klar, dass hier im Sommer was los ist. Momentan sind es Tagesausflügler_innen, Leute auf Radtour, eine Schulklasse und wenige Wanderer_innen, die im Küstenort flanieren. Berühmt ist Banyuls in Frankreich für seinen Süßwein. Die Weingärten ziehen sich steil die Berge hinauf, fallen hinab bis zum Meer, gedeihen in staubtrockenen, von Rissen durchzogenen Böden.

Häuser und Infrastruktur erzählen von einem einstigen Arbeiter_innen-Dorf, in dem viele vom Fischen gelebt haben, von einem heute nicht wohlhabenden, doch florierenden Ort, in dem noch junge Menschen leben und arbeiten, und der mit dem ozeanographischen Institut der Marie Curie-Universität Studierende und Forscher_innen anzieht.

„Hier in Banyuls-sur-Mer sind wir in einem unglaublichen Haus untergebracht, direkt am Mittelmeer. Bürgermeister Azéma, monsieur le maire, hat es kurzerhand im Namen der Gemeinde beschlagnahmt und zum Centre d’Hébergement de Banyuls pour les réfugiés gemacht. Die réfugiés sind wir. Unseren zukünftigen »Besuch« können wir dort bequem unterbringen.“ (Fittko 2004, S. 163)

Bürgermeister Azéma arbeitet mit Fittko eine detaillierte Wegskizze für einen Fluchtweg über die Berge aus, der vor Zoll und Gendarmerie einigermaßen geschützt ist. In seinem Büro bespricht er mit ihr, wie sie am besten die Geflüchteten über die Grenze nach Spanien bringt, von wo aus diese weiter reisen und sich vor faschistischer Repression und Verfolgung in Sicherheit bringen können. Er empfiehlt Fittko, sich frühmorgens in der Dämmerung zusammen mit den Weinarbeiter_innen auf den  Weg zu machen, ohne jedes Gepäck, so seien sie für die Grenzwachen nicht von den Einheimischen unterscheidbar.

„Am Ortsausgang von Banyuls, nachdem man den silbernen kleinen Fluss überquert hat, führt der Weg durch Puig del Mas, eine Gruppe von Häusern zwischen hohen Bäumen. Das war das ursprüngliche Dorf, aus dem das jetzige Banyuls entstanden ist. An dieser Stelle passen die Zöllner am meisten auf, hat Azéma uns gewarnt. Wir haben uns im Dunkeln unter die Leute gemischt, die in die Weinberge hinaufziehen. (…) Nahe bei den ersten Häusern von Puig del Mas ist eine alte Mauer, rund und niedrig, die Steine sind halb überwachsen. Wir haben sie fast zugleich gesehen, les douaniers, wir haben beide gute Augen: Zwischen den Bäumen und dem Gebüsch hinter der Mauer, gegen den dunkelgrauen Himmel, zwei schwarze Cape-Silhouetten.“
(Fittko 2004, S. 166)

Fortsetzung folgt.

Literatur:
FITTKO, Lisa (1985): Mein Weg über die Pyrenäen – Erinnerungen 1940/41. München.