Occupy Dublin

occupy dame street

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Um das kleine Irland ist es still geworden. Größere Euro-Länder sind in den Vordergrund der medialen Aufmerksamkeit gerückt.

Grund genug in Irland Nachschau zu halten. Wie wehrt sich die irische Bevölkerung gegen den neoliberalen Raubzug?

Der Fußmarsch führt zur weltberühmten Guiness-Brauerei. „Und wos moch ma jetzt,“ fragt der Herr in die Runde, die den breiten Gehsteig für sich okkupiert. Allesamt mit schwarzen Papiersackerln mit dem Schriftzug der Brauerei ausgestattet. Und es werden immer mehr Papiertaschen, die mir entgegen strömen. Der geborene Ottakringer fühlt sich gleich zu Hause. In der Luft schwebt nun eine Duftwolke, eine Mischung aus Hefe und Malz. Mich zieht es nicht zu dem Getränkemulti, der die Pubs mit standardmäßig abgestandenem Lizenz-Lager überschwemmt, sondern zum Museum Moderner Kunst in Dublin.

Irland hat eine lange Geschichte und so darf es nicht verwundern, wenn das Museum Moderner Kunst in einer wehrhaften Burganlage untergebracht ist. Den Menschenmassen hinterher zu trotten ist keine gute Idee. Hinter der Burg hat ein Rummel seine Zelte und leicht transportierbare Mini-Riesenräder aufgeschlagen. Im Ranking der Besucher_innen liegt dieses Zerrbild eines Vergnügungsviertels eindeutig vor dem Museum. Die Ängste im Kopf totschlagen oder sie mit Unterhaltung zumüllen? Ich beginne mich in die irische Psyche einzufühlen.

Das Museum hat geschlossen. Nicht heute. Auch nicht heute und morgen. Sondern bis Jahresende 2012. Die Webredakteur_innen wissen davon nichts. Die Krise hat bad news eingespart.

Als Trostpflaster gibt’s in einem Türmchen eine Ausstellung von Rivane Neuenschwander. Im Gästebuch sind Verrisse nachzulesen, die der Wiener Theaterkritik in keinster Weise nachstehen. Das Projekt I wish your wish gewährt aber tiefe Einblicke in ein Leben in der Krise. Die Installation bezieht sich auf eine Tradition in Salvador do Bahia, wo Wünsche auf Seidenbänder geschrieben werden. Wer möchte, dass ein Wunsch von einem Band in Erfüllung geht, nimmt sich das Band und bindet es um seine Hand. Wenn das Band abgetragen ist und von selbst vom Handgelenk abfällt, wird der Wunsch in Erfüllung gehen, so der Glaube. Im Austausch dafür darf sich die oder der Unterstützer_in des Wunsches selbst etwas wünschen, und hofft ihrerseits und seinerseits darauf, dass jemand anders sich des eigenen Wunsches annimmt.

Die Wünsche sprechen Bänder. Ich wünsche mir keine Rezession. Ich wünsche mir finanzielle Sicherheit. Ich wünsche mir keine Angst zu haben. Oder: Ich wünsche mir, dass ich Drogen nicht so liebe.

Fotografieren darf ich die Seidenbänder im Museum nicht, aber „danke, dass Sie fragen“. Irischen Umgangsformen kann die Krise nichts anhaben. Bislang.

In die Stadt zurück geht’s über die Hewston Zug-Station. Gesichtslose Immobilienentwicklungen und abgefuckte Häuser sind anarchisch durcheinander gewürfelt. Wer Dublin von vor einigen Jahren kennt als solide gewachsene Stadt, sieht nun, dass der Kapitalismus keine Planung duldet. Auch, oder sollte es exakter heißen im Besonderen(?), keine Stadtplanung. Die riesige Spekulationsblase, die die Grundstückspreise über die Londons getrieben hat, erfasste Dublin und zerstörte zuerst die sensibelsten und machtlosesten Bereiche einer Stadt: die öffentlichen Plätze, billigen (Substandard-)Wohnraum, Kulturzentren und Veranstaltungsräume oder Programmkinos.

In der Moore Street befand sich noch vor einigen Jahren ein kleiner, aber lebhafter Markt, der Wienkenner_innen entfernt an den Brunnenmarkt erinnerte. War die Befürchtung damals, dass das Shopping Center im Hintergrund den Straßenmarkt verdrängen würde, bietet heute die Mall einen noch tristeren Anblick als der Markt. Die rebellische Rabble von Smithfield hat sich zum antinationalen Widerstand entschlossen, publizieren eine unregelmäßig erscheinende Zeitschrift und versuchen mit ihren Aktivitäten die lokale Community zu stärken und ihr Gehör zu verschaffen.

Im Finanzzentrum Dublins, der Dame Street, harren AktivistInnen trotz Sturm und Regen seit Monaten aus. Die Unterstützung der Bevölkerung gibt Kraft, sagen sie, und betonen mehrfach, dass ihre Ziele nicht antikapitalistisch sind. Vielmehr geht es darum, Demokratie wieder zu dem zu machen, was sie sein sollte: Politik vom Volk für das Volk.

Vorbeiziehende Party People ignorieren den Euro(!)-Palettenzaun, der zickzackartig die kleine Zelt- und Planenstadt umrandet.

Ein Kampf zur Wiedererlangung der Selbstbestimmung. Ein Ruf nach Emanzipation und einem Ende der EU-Troika, der jede demokratische Legitimation fehlt, sagen sie.

PS: Der Markt in der Moore Street hat Preise wie in der Vor-Euro-Zeit. Wer keine Zwiebel zum Frühstück mag, denen sei die köstliche Paris Bakery empfohlen. Nette Leute dort und die Sounds kommen von alten französischen Chansons und deren heute bereits erwachsenen Enkelkindern.

Links:
http://www.occupydamestreet.org/
http://rabble.ie/