Über den Bücherkampf

People's Library im Fort Patti, OWS

People’s Library im Fort Patti, OWS

Bücher erzählen Geschichten, vermitteln Wissen, sind ein Kulturgut der
Menschheit. Der Kampf gegen Bücher ist auch ein Kampf gegen Menschen.

Zuerst brennen die Bücher, dann die Menschen. Wenigstens in Europa mögen sich daran noch einige erinnern.

Die City of New York und ihre mit staatlicher Autorität ausgestatteten Vertreter_innen negieren diese historische Lehre. „Wer vernichtet Bücher? Ist das ein Ray Bradbury Roman? Ist ihre neue Taktik die Semiotik des Faschismus bis zu einem solchen Niveau von Klischee zu treiben, dass eine Kommentierung unmöglich wird?“ fragt Laurie Penny in ihrem Blog auf New Statesman.

Vor vier Tagen veröffentlichte das New York City Mayors Office ein Foto mit den Resten der People’s Library, der Bibliothek der Occupy Wall Street Aktivist_innen. Der armselige Rest, der mehr als 5.000 Bücher umfassenden Bibliothek, konnte in einem abgelegenen Mülllager von NYC abgeholt werden.

 

NYC Mayors Office

 

Was war passiert? Die gewaltsame Räumung des Liberty Park, früher Zucotti Park, entfernte nicht nur Menschen aus einem öffentlichen Raum, sondern auch deren Bücher. Das Fort Patti, benannt nach der OWS-Unterstützerin Patti Smith, in dem die People’s Library untergebracht war, wurde vollständig gekübelt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Presse wurden von willfährigen Kompliz_innen alle Bücher in Müllcontainer verklappt. Die meisten Bücher wurden dabei zerstört (neben Laptops) wie Aktivist_innen berichten. Der Rest kann als bewusstes Eingeständnis dieser kulturellen Schande im Mülllager abgeholt werden. Zuvor wurden alle aber zur Ausweisleistung genötigt.

Da passt es gut ins Bild eines sich verflüchtigenden Staates, dass die JPMorgan Chase seit kurzem die New Yorker Polizei mit 4,6 Millionen Dollar mitfinanziert. In der Wirtschaftssprache nennt man solche Mergers „feindliche Übernahme„.

Bibliotheken als Grundpfeiler einer demokratischen Gesellschaft (Zitat: American Library Association) waren immer schon Attacken autoritärer prä- und vollzogener faschistischer Machtverhältnisse.

Wir wechseln in einen touristischen Hotspot Österreichs, ins liebliche Salzkammergut. In Ebensee befindet sich das engagierte Zeitgeschichte Museum. Dort findet sich ein spannendes Dokument der jüngeren Geschichte Österreichs.

K i n d e r   g e f o l t e r t   !   Bücher versenkt,

ist dort zu lesen. Und weiter: „Arbeiter_innen, Ihr sollt es alle wissen, die Werke weltbekannter Philosoph_innen und Dichter_innen, die Lebenswerke […] und Bücher aller grossen Denker_innen, die für das Proletariat gearbeitet haben, wurden in der Nacht vom 22. auf den 23.9. mit pfäffischer Hinterlist dem reissenden Wasser der Traun übergeben.“

Was war passiert? Das austrofaschistische Regime hatte es sich zur Aufgabe gemacht, systematisch Bücher in den Bibliotheken der Arbeiter_innschaft zu erfassen und zu verbrennen, darunter zum Beispiel subversive Autor_innen wie Peter Rosegger oder John Habbertons Helenes Kinderchen. In Ebensee ging der klerikal ausgerichtete Pöbel zur nahen Traun und warf sie wie blöd hinein. Es war wohl so, dass sich die Strudel des Flusses im Traunsee verliefen und die Bücher am seichten Ufer angeschwemmt wurden. Ein paar Arbeiterbuben, die die Aktion beobachteten, holten einige der versenkten Bücher aus dem Wasser – und wurden dabei „ertappt“.

Anschließend schaffte man sie in die Wachstube und wurden von den Polizist_innen geschlagen. Über die Misshandlung heißt es in dem Dokument: „Und zwar in derart bestialischer Weise wurden sie gedroschen, dass ihr Schmerzgeheul bis auf die Straße drang. Und warum wurden sie geschlagen? Und von wem wurden ihnen das Bajonett angesetzt? Vom würdigen Führer der räudigen Schafe und der pfeiffende Jung ließ es gelten. Und warum? Weil die tapferen Jungen Bücher retten wollten, in ihrer Erkenntnis der Gerechtigkeit und Wahrheit im Kampf gegen viehische Rohheit und Dummheit, für die Arbeiter_innenklasse.“

Nach der Amtsmisshandlung wurden die Bücher von der Polizei neuerlich und „in richtiger Weise“ versenkt, wie in einem amtlichen Protokoll vermerkt wurde.

Das Dokument, gezeichnet K.P.E,  stellt die immer noch gültige Frage: „Wie tief liegt der Hass in diesen Menschen gegen allen Fortschritt, wie stark wurzelt die Dummheit in jenen Gehirnen, Schamröte überflutet unser Gesicht, wenn wir daran denken, mit solchem Geschmeiß zusammenleben zu müssen.“

Faschistische Büchervernichtung in Ebensee, Salzkammergut

Faschistische Büchervernichtung in Ebensee, Salzkammergut

Die Formulierung mit dem „Geschmeiß“ disqualifiert den sonst brillianten Text, kann aber auch nur im Kontext der Zeit und der eskalierenden Verhältnisse gelesen und verstanden werden.

„2600: The Hacker Quarterly“ schreiben zu den Ereignissen der New Yorker Büchervernichtung:

Wir bedanken uns auch bei denen, die nicht notwendigerweise den Zielen der Bewegung zustimmen aber guten Willens sind, sich mit wachem Kopf und offenem Geist mit diesen auseinanderzusetzen und alles hinterfragen, was ihnen medial vorgesetzt wird. Diesen Text inklusive.“

Including this!

Fotonachweis:

http://yfrog.com/nzdr7ndj
https://secure.wikimedia.org/wikipedia/en/wiki/The_People%27s_Library

Link:

www.memorial-ebensee.at