Sie nennen es das Abenteuer Wirtschaft – Teil 2

Camillo Castiglioni, Quelle: wikipedia.org

Camillo Castiglioni, Quelle: wikipedia.org

Der Crackdown des Banksters Camillo Castiglioni.

Camillo Castiglioni stellte Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur den Inbegriff des Kriegsgewinnlers und des Spekulanten dar, sondern war auch erfolgreicher Bankster. Sein Spekulationsvehikel Bank überlebte den Erfolg nicht.

Der Gewinner der Inflation

Camillo Castiglioni war Ende Dreißig als er 1918 die Mehrheit an der Depositenbank erwarb und sich selbst als Präsidenten der Bank einsetzte. Castiglioni war auch Partner der Eskompte-Gesellschaft, die sich mittels der Alpine Montangesellschafteine goldene Nase „verdiente“. Sein erstes bedeutendes Geschäft war die Lieferung von Kriegsflugzeugen an die österreichische Monarchie. Danach verlegte er sich auf weniger substanzielle, dafür umso obskurere Geschäfte: Kredite, in der inflationären Kronenwährung aufgenommen, finanzierten den Ankauf von Aktien, Devisen, Waren und Unternehmungen. Die Rückzahlung, der von der gallopierenden Inflation entwerteten Kredite, fiel ihm nicht schwer. 1923 war Camillo Castiglioni der reichste und mächtigste aller Kriegs-und Inflationsgewinnler.

Senator Camillo Castiglioni

Der im damals österreichischen Triest geborene Camillo Castiglioni nahm nach dem Zusammenbruch der Monarchie die italienische Staatsbürgerschaft an und machte sich sofort daran, sein Netzwerk in die neue italienische politische Elite auszuweiten. Da sich die christlich-soziale Regierung von Italien politische Unterstüzung bei der Gewährung von Krediten erhoffte, waren die Österreicher_innen Castiglioni stets zu Diensten. So gelang auch der Montangesellschaftsdeal. Der steirische Landeshauptmann Rintelen, ein Freund Castiglionis, spielte ihm die steirischen Wasserkräfte und weitere lukrative Geschäfte zu. Kanzler Seipel verglich Castiglioni sogar mit den Senatoren des Alten Rom. Seine Steuerschulden an die Republik wurden gestundet – so lange, bis sie auf Grund der Inflation nur mehr ein Zehntel der ursprünglichen Schuld ausmachten.

Zu dieser Zeit ließen sich Minister, Manager, Künstler und Professoren und sogar der Bundespräsident bei und mit dem edlen Kunstmäzen Castiglioni gerne sehen.

Castiglioni als Bankster

Der frischgebackene Bankster nutzte seine neue Möglichkeiten reichlich. Castiglionis Imperium wuchs rasant. Seine Bank, die Depositenbank, gewährte ihm für die Expansion die nötigen Kredite. Die Kredite zahlte Castiglioni nie zurück.

Das System Castiglioni war damals ein unter Spekulant_innen wohl erprobtes. Sie gründeten Syndikate, die die Mehrheit an einer Bank erwarben. Danach wurden Kapitalerhöhungen beschlossen. Das Syndikat kaufte sämtliche junge Aktien auf, blieb der Bank den Kaufbetrag schuldig und schlug die jungen Aktien an der Börse mit Gewinn los. Zumindest so lange, wie die Kurse stiegen. Als der Boom zu Ende ging, waren durch die Zinslast nicht nur die Schulden des Syndikats an die Bank gestiegen, sondern auch die Aktien, die der Bank als Sicherstellung gegeben wurden, jeden Tag weniger wert.

Die Veruntreuung

1919 beteiligte sich die Depositenbank an einem Spiritusexportsyndikat in Prag mit 37,5 Prozent. Das Geschäft mit dem Alkohol lief prächtig. Zwei Jahre später teilte die Depositenbank dem Syndikat den Verkauf seiner Anteile an die Investment Trust Company in Zürich mit. Die Investment Trust Company durfte sich nicht nur über die Beteiligung an einem florierenden Geschäft erfreuen, sondern streifte bald danach auch einen beachtlichen Gewinn ein.

1924 erstattete die Depositenbank Strafanzeige wegen der Anteilsübertragung an die Investment Trust Company. Drei Jahre nachdem Castiglioni seine Beteiligung an der Depositenbank veräußert hatte. Es stellte sich heraus, dass Camillo Castiglioni Alleininhaber der Zürcher Gesellschaft war und der Gewinn des Syndikats zum Verkaufszeitpunkt nicht ungewiss, sondern als sicher galt. Die Strafanzeige lautete auf Veruntreuung, zu einer Verhandlung kam es jedoch nie. Karl Ausch schreibt in „Als die Banken fielen“ dazu: „Wenn es gegen ihn und seinesgleichen ging, vermochte die österreichische Justiz die Binde vor ihren Augen nicht wegzubringen. Betrügereien, vorausgesetzt, dass sie in die Milliarden gingen, wurden von ihr offenbar als Kavaliersdelikte betrachtet.“

Die Bank retten

Am 7. Mai 1924 berichtete erstmals die Presse über die ernsthaften Schwierigkeiten der Depositenbank. Der im Raum stehende Crash einer Bank dieser Größe, hätte ohne Zweifel einen Bankrun auf alle Finanzinstitute ausgelöst. Kein Wunder also, dass sich fünf Wiener Großbanken zusammen taten, um die Depositenbank aufzufangen. 450 Milliarden Kronen wurden in die Rettung der Depositenbank gesteckt. Aber bereits wenige Wochen später wurde klar, dass der Rettungsschirm die Möglichkeiten der Großbanken überschritten. Riesige Rückzahlungsverpflichtungen wurden offenkundig. Die Aktie wurde vom Börsehandel ausgesetzt. Der Bankrott wurde erklärt und die Bankschalter geschlossen.

Castiglioni befand sich 1924 selbst schon in argen Schwierigkeiten. Missglückte Spekulationen ließen sein Vermögen so schnell schwinden wie es entstanden war. Seine Verhaftung wurde von einem Untersuchungsrichter, der beim Polizeipräsident Schober persönlich in dieser Angelegenheit vorsprach, beantragt. Am folgenden Morgen befand sich Castiglioni allerdings nicht mehr im Land.

 

Das ehemalige Vorwärtshaus der SPÖ, Wien

Das ehemalige Vorwärtshaus der SPÖ, Wien

Castiglioni, die Politik und die Justiz

Der Oberstaatsanwalt hielt dazu in einem Bericht fest: „Mit der bisherigen Behandlung dieser Strafsache bin ich insoferne nicht einverstanden, als es meines Erachtens gar keinem Zweifel unterliegen kann, dass bei der Art der ihr zugrunde liegenden Geschäfte und Machinationen die größte Kollisionsgefahr bestand und noch besteht, solange sich überhaupt ein Hauptbeschuldigter auf freim Fuß befindet.“ Friedrich Austerlitz schrieb dazu in der Arbeiter-Zeitung: „Die Voruntersuchung gegen Castiglioni wurde nicht eingestellt, weil dem Staatsanwalt die zur Erhebung einer Anklage notwendige Belastung nicht gegeben schien, sondern weil ihm die Regierung die Einstellung aufgetragen hatte.“ Karl Ausch schreibt dazu 1968: „Nun, da die Archive aus jener Zeit zugänglich sind, erkennt man, wie recht Austerlitz hatte.“

Ausch kommt zu dem Schluss: „Wie so viele andere Handlungen und Unterlassungen der Justiz in der Ersten Republik muss auch der Fall Castiglioni und Konsorten zu jenen gezählt werden, die mithalfen, die Demokratie in den Zwischenkriegsjahren langsam, aber sicher zu untergraben.“

Castiglioni und der Partisan

Camillo Castiglioni schaffte es im hohen Alter noch einmal in die Schlagzeilen: Castiglioni verklagte die jugoslawische Tito-Regierung auf Zahlung einer Provision für die Vermittlung einer Anleihe, für die Castiglioni keine Leistung erbrachte.

Danach verliert sich die Spur des Banksters Camillo Castiglioni.

Quellen:

Bildnachweis: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Camillo_Castiglioni.jpg

Karl Ausch, Als die Banken fielen, Zur Soziologie der politischen Korruption, Europa Verlag