Das Waldsterben-Syndrom

Als weltweit die Stahlindustrie kollabierte und die Politik der OPEC den
Ölhahn zudrehte, begann wenig später der Wald zu kränkeln. Und danach
das Parteiensystem. Und später …

Direito Ao Local, Recht auf Stadt

Direito Ao Local, Recht auf Stadt

Überall tote Bäume, das Erzgebirge nahezu waldfrei. Eine herzerfrischende Debatte, ob das Waldsterben nun eine ins psychopathische weisende Fiktion oder der Anfang vom Ende der Welt sei, beherrschte nicht nur das Feuilleton, sondern damals auch noch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Waldsterbengrenze verlief nicht nur zwischen Sprachbarrieren, sie verschob auch die gesellschaftlichen Koordinaten einer absterbenden Industriegesellschaft. Nicht die Klassengrenzen bestimmten den Standpunkt in der Diskussion, vielmehr verlief sie zwischen den Systemerhalter_innen, dem produzierenden Kapital und ihren Lohnabhängigen, und den Systemfeinden. Wirtschaftsfeindlich, leistungsfeindlich, nützliche Idiot_innen, im Solde aller möglichen Feinde des freien Westens, jawoll, so waren sie.

Es geht uns gut

Vorbei die Zeiten, als die deutsche Eiche verstarb. Genuss und Verbrauch sind möglich, wenn wir regionale Produkte von lokalen, schlechten Arbeitgeber_innen kaufen, wenn indonesischer Agrartreibstoff unsere Hybridkarre mit 1.000 toten Mücken an der Scheibe antreibt und 7-lagige Tissues aus nachhaltig bewirtschafteten brasilianischen Eukalyptuswäldern nach dem Genuss die sichere Hygiene erleichtern. Es geht uns gut. Was fehlt ist ein Smartphone mit Gütesiegel für sanft abgebaute seltene Erden und ein social web mit ökostrombetriebenen Servern.

Gloria, Gloria

Der, die, das Transsexuelle Gloria wurde als Alternative-Liste-Spitzenkandidat_in dieser aufstrebenden hegemonialen  Formation auf Plakaten affichiert – heutzutage ein politischer Suizid. Aus dieser diffusen und seltsamen urbanen Parallelgesellschaft kristallisierte sich schließlich eine gewinnlerische Gruppe heraus, die wieder einmal den Gang durch die Institutionen wagte: Die Grünen.

Auf ihrer Agenda fanden sich verschiedenste Themen: Die grundsätzliche Infragestellung der Wachstumslogik fand genauso ihren Niederschlag wie die konkrete Utopie einer Welt ohne militärischer Bedrohung. Der Zusammenhang zwischen dem militärisch-industriellem Komplex und der „friedlichen“ Nutzung der Atomkraft wurde der Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerufen. Und schwefeliger saurer Regen bedrohte unseren ach so geliebten Wald dessen Betreten uns Schilder mit den wechselnden Aufschriften «Forstliches Sperrgebiet» und «Jagdliches Sperrgebiet» so nachhaltig wie nachdrücklich untersagten.

Während es zur gleichen Zeit in den Peripherien, vor dem erholungsspendenden Wald, noch zum sozidalen Codex der Großmüttergeneration gehörte, beim Betreten des öffentlichen Raums ein Kopftuch aufzusetzen.

Heute stehen in allen Parteiprogrammen Ökothemen. Grünthemen sind politisch klimaneutral. Die Grünen sind neutralisiert und ihre «Fuehrer_innen» politische Neutrums im Zentrum einer agilen Dienstleistungsgesellschaft, die behauptet keine Arbeiter_innen mehr zu kennen.
Marxismus reloaded

„Hat am Ende die Linke recht?“ fragt neuerdings besorgt der erzkonservative Publizist Charles Moore nach längerer Nachdenkpause. Frank Schirrmacher von der von manchen angesehenen Frankfurter Allgemeinen befielen jüngst ähnlich geschichtete Sorgen. Die liberal-konservative Hamburger „Zeit“ hält gar die Beherrschung der Welt in den Händen weniger Plutokraten für nicht mehr denkunmöglich.

Welche Suchmaschine befragen wir schnell? In welchem Netzwerk verplempern Oma und Opa neuerdings ihre Zeit? Welches Betriebssystem bietet auch bösartiger Software ein nettes Zuhause? Von wem stammt der Prozessor? Wer betreibt die Satelliten, die uns auf der Autobahn zuverlässig von A nach B lotsen? Wie heißt der Supermarkt ums Eck und wie der konkurrenzierende Billigladen ums nächste Eck aus dem gleichen Haus? Was war das nochmal für eine Telekomfirma, bei der ich auch in Asien im Heimnetz telefonieren kann? Dürfen wir Jens Jessen wirklich glauben? Welche Kreditkarte, Stromversorger_innen, Selbstbaumöbel? Kann tatsächlich eine allmächtige Plutokratie unser demokratisches System ohne entschiedenen Widerstand kapern?

Wir schöpfen Hoffnung. Denn Rettung ist unterwegs und hat einen Namen: Sahra Wagenknecht. In einem Interview in der aktuellen woz wird sie zu ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus. Wie wir zu mehr Arbeit, Innovation und Gerechtigkeit kommen“ befragt. Nein, viel mehr werden ihre Thesen abgeklopft, kritisch hinterfragt, Inkosistenzen aufgedeckt.

Sie rekapitulieren äußerst wohlwollend die Ideen liberaler Ökonomen. Was findet eine Kommunistin an diesen Leuten?, lautet eine der Fragen. Antwort Sahra Wagenknecht: Sie hatten klare Auffassungen zur Wirtschaft. Frage: Ihre Hauptkritik richtet sich gegen die weltweit zunehmende Konzentration von Eigentum: in Konzernen, Banken, Familien. Diese habe die Wirtschaft innovations- und leistungsfeindlich gemacht. Hat der Kapitalismus nicht eher zu einem Boom geführt? Antwort: Früher ja, heute nicht mehr. Frage: Warum eine Vermögensabgabe? Bei einem Teilstaatsbankrott würden Schulden einfach gestrichen? Antwort: Ja, man kann es auch so machen. Die Staaten müssten dann aber die Banken rekapitalisieren, und dafür müssten sie wieder Geld bei den Reichen holen. Denn: Gehen die Banken bankrott, verlieren nicht nur die Millionär_innen ihr Geld, sondern auch Otto Normalverbraucher, der vielleicht 20.000 Euro auf dem Konto hat. Frage: In ihrem Entwurf einer neuen Eigentumsordnung ist Privateigentum aber durchaus vorgesehen. Antwort Wagenknecht: Ja. Es muss möglich sein, ein Unternehmen zu gründen und damit entsprechend zu verdienen. Frage: Verkaufen Sie da nicht eine Reform als Paradigmenwechsel. Antwort: Das wird mir ja von einigen Linken vorgeworfen. Nochmals: Kapitalismus ist ein System, in dem eine Minderheit, die Eigentum besitzt, von der Arbeit der Mehrheit lebt. Geht das Gros des Eigentums an die Belegschaft oder die öffentliche Hand, ist diese Möglichkeit nicht mehr gegeben.

Da hat’s ein Eck

Als es noch keine Nikolaus-Agenturen gab, die unterernährten Student_innen prekäre Jobs ermöglichten, sondern kampfbereite Fabriksarbeiter_innen in patriidiotischer Verkleidung (hey, das ist Österreich oder Estland!) aus purem Jux und Tollerei unfolgsame Kinder maßregelten, als ob die klirrende Kälte nicht Strafe genug wäre, sagte mir Karl Marx, ich wusste nämlich sofort, da steht der gute alte Marx vor mir, in bemühtem Hochdeutsch: Mein lieber du, da hat’s ein Eck!

Ein Eck hat’s auch bei Wagenknecht. Vielleicht ist der deutsche oder griechische „Otto Normalverbraucher“ wohlhabender und hat 20.000 Euro (plus?) am Konto. Alle haben ein Unternehmen mit dem sie entsprechend verdienen? Wen verdienen diese Unternehmer_innen, den Mehrwert vielleicht? Was verdienen diese Unternehmer_innen, möglicherweise Geld? Schnödes Geld, das nach Marx die Brücke darstellt, die die Machtübertragung von der Gesellschaft hin zu Privaten ermöglicht? Wozu Energien darauf verwenden, Einfluss bei Autokonzernen zu erlangen, die ihren ökonomischen Zenit längst überschritten haben?

Beginnt in der Kapitalismuskritik das Waldsterben-Syndrom bei der Linken zu wirken? Wer das Interview in der woz liest, denkt unwillkürlich an die Geschichte der Grünen, die sich ihrer Radikalkritik an unbegrenztem Wachstum in größter Opportunität und elendigstem Pragmatismus alsbald entledigten und an ihre Stelle blankpolierte Wirtschaftsphrasen setzten: Fortschritt durch Technik! Oder an die Geschichte der Sozialdemokratie, gerade an Otto Bauer und seine Idee der gemeinwirtschaftlichen Anstalten. Und will tatsächlich irgendwer mehr Arbeit? Sind nicht Entschleunigung und Müßiggang die passenden Werkzeuge für ein gutes Leben?

Verschobene Koordinaten

Man kann Sahra Wagenknecht auch so lesen, dass die gesellschaftlichen Brüche und politischen Verwerfungen stärker sind als zu befürchten war: Die Linke wurde dorthin versetzt, wo noch vor dreißig, vierzig Jahren die Sozialdemokratie stand: Fortschritt durch Arbeit und realem Wirtschaftswachstum, Gleichheit und Beteiligung durch soziale und ökonomische Reformen.

Ob die Linke mit Rezepturen aus der Mottenkiste bei Wahlen punkten kann? Klarheit verschafft einzig die Forderung der Verstaatlichung des Bankensektors. Eher wahrscheinlich, dass ihre Vorschläge schneller im gesachzwängelten Mainstream landen, als die weichgewaschene Partei selbst dies schaffen kann.

Elektrisieren tut das Ganze jedenfalls nicht wirklich. Das muss aber auch nicht sein.

Vorerst.

Quelle:

wozDie Wochenzeitung, 8. September 2011, Frage-Antwort-Zitate sind stark gekürzt.