Der Penny Lick Stresstest

Seit der industriellen Revolution wurden Arbeitskräfte dem Stresstest
unterzogen. Neu erfunden wurde das Bankenstressen. Nicht ganz. Wir stellen vor.


Adele Spitzeneder, von Beruf Schauspielerin, gründete 1889 in München ihre Privatbank. Hohe Zinssätze für Einlagen, Auszahlung teilweise im Voraus. Kreditvermittler_innen kassierten großzügige Fees. Sicherheiten bot die Spitzeder’sche Privatbank freilich keine an, dafür hatte sie eine gute Presse, deren Berichte möglicherweise durch finanzielle Zuwendungen eingefärbt wurden. (An dieser Stelle gilt wie überall die Unschuldsvermutung!)


Am 3. August 1696 ging in Schottland die Zeichnungsfrist für Anleihen der Company of Scotland zu Ende. Mit Hilfe der Company of Scotland wollte sich Schottland seinen Anteil am weltwirtschaftlichen Kuchen abschneiden. Wie immer, so auch im damaligen England, Spanien und Frankreich sollten Kolonien in den Ländern des Südens dabei helfen. Der Schotte William Paterson, der schon die Bank of England gründete, fuhr mit dem Finger über die Seekarte und blieb bei – uuups – Darién im südlichen Panama stecken. Das Investitionsvolumen betrug 400.000,- Pfund.

1717 gründete der gebürtige Schotte John Law die französische Compagnie de la Louisiane ou d’Occident. Im heutigen Louisiana würde das sagenumwobene El Dorado liegen, dessen Exploration das Unternehmen zum Ziel hatte. John Law brachte es durch glückendes Glücksspiel zum anerkannten Finanzexperten am französischen Hof. Bereits 1715 gründete John Law die Banque Royale, die ihr Kapital mittels wertloser Staatsanleihen aufbrachte. Law sah in Amsterdam, dass Geld dann nicht an Materialwerte gebunden ist, wenn es neuartig auf Papier gedruckt wird. Ein lukratives Geschäft startete. Bedeckt durch die Staatsanleihen wurden Darlehen auf materialwertlosen Papierscheinen vergeben. Mit diesen und dem Vertrauen auf hohe Gewinnaussichten ausgestattet, konnten Aktien der Compagnie de la Louisiane ou d’Occident erworben werden. In Buden, die eilig in Parks aufgestellt wurden, kaufte das hysterisierte Volk Anleihen. Paris brummte und zählte nie wieder mehr einwohnende Millionär_innen.

Adele Spitzeneders Bank wurde bald von Gläubigern, die ihre Geld zurück forderten, gestresst. Spitzeneder ging in Haft. Ihr neuerlicher Versuch, eine Bank zu etablieren, scheiterte und sie wurde Volkssängerin. Sie hinterließ suizidale Gläubiger_innen und ruinierte Gemeinden.

Die schottischen Kolonisator_innen starben auf Grund von Angriffen durch übermotivierte spanische Eroberungskolleg_innen und an Tropenkrankheiten auch. Schottland brachten sie nicht den importierten fremden Wohlstand, sondern eine Hunger- oder/und Finanzkatastrophe. Sogar John Law wurde zu Rate gezogen, aber es half nichts. Schottland musste von England aufgefangen werden und verlor in Folge seine Eigenständigkeit.

"John Law war eine der faszinierendsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Von attraktivem Aussehen, intelligent und charmant, mit tadellosen Manieren, gleichzeitig ein kühl kalkulierender Draufgänger, musste er in jedem Salon der Haute volée Europas Erfolg haben. An der Schwelle zwischen der rigiden Barockkultur Ludwigs XIV. und dem lasziven Rokoko stehend, verkörperte Law beide Seiten. Seine Vorstellung, mit einem einzigen Finanzkonglomerat die Wirtschaft eines ganzen Landes steuern zu können, entsprach noch völlig dem Denken des Sonnenkönigs. Mit seinem abenteuerlichen Privatleben jedoch leitete er bereits über zu der Welt Watteaus und erscheint uns als ein Vorläufer Giacomo Casanovas." (Zitat: https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/John_Law)

Nachdem sich Gerüchte zu scheinbarer Gewissheit verdichteten, dass El Dorado doch nicht in Louisiana läge, wurde die Banque Royale derart gestresst, dass John Law um sein Leben bangen musste. Er starb exiliert in Venedig.

Das Penny Lick wurde verboten. Das Glas mit dem extra megadicken Boden wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts in England von Straßeneisverkäufern im Stresstest verwendet. Die betrügerisch anmutende Mogelverpackung (es gilt die Unschuldsvermutung) und hygienische Bedenken machten dem Penny Lick 1899 den behördlichen Garaus.


Radio-Tipp:

Im Sumpf, FM4, Sonntag von 21 bis 23 Uhr, Sommerserie: Rotten Life – Euer Geld und unser Kapital. "Im Sumpf" zu sein heißt diesen Sommer, den Weltinnenraum des Kapitals zu durchstreifen und dabei den Blick nach außen nicht zu verlieren. Sieben Folgen von 18. Juli bis 29. August.

Lese-Tipp:

WOZ – Die Wochenzeitung: Her mit den Milliarden! Gigantische Eurokäufe, Gratisgeld für die Großbanken: Die (nicht-staatliche) Schweizerische
Nationalbank sitzt auf enorm aufgeblähten Bilanzen mit unklaren Risiken. Von Rachel Vogt.