Modelle aus der Krise

Mondragon - Humanity at Work

Mondragon – Humanity at Work

Die westliche Gesellschaft steckt in einer Krise, an der sich PolitikerInnen in den letzten Jahrzehnten die Zähne ausbeißen. Traditionelle politische Instrumente greifen nicht mehr. Für den deutschen Philosophen und Soziologen Hans Harms heißt der Weg aus der Krise Partizipation. Teil 1.

Arbeit im Vordergrund, nicht Kapital

Westliche Gesellschaften werden einzig über den Mechanismus Arbeit organisiert, der damit gänzlich überfrachtet ist, analysiert Harms. Denn Arbeit ist nicht nur da, um Einkommen zu erzielen, sondern auch, um an gesellschaftliche Sicherungssysteme anzukoppeln, persönliche Identität und gesellschaftliche Rollen zu schaffen. „Wir glauben, unsere Probleme über Arbeit zu lösen. Ich glaube aber, dass Arbeit und Abhängigkeit von Arbeit unser eigentliches Problem ist. Damit geraten wir in enorme Widersprüche“, so Harms. Mit immer weniger Arbeit wird immer mehr produziert und werden immer mehr Menschen von Arbeit ausgegrenzt. Das führt in eine Sackgasse, da im begrenzten Weltwirtschaftssystem kein unbegrenztes Wachstum möglich ist. Harms hält das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens und die dahinterstehende Überlegung, dass jedem und jeder ein Teil des gesamtgesellschaftlich produzierten Reichtums zusteht, für eine realistische Alternative: Ob er/sie arbeitet oder nicht, ob Bankdirektor oder arbeitslos, jedeR hat Anspruch auf dieses Einkommen.

Er sieht im Grundeinkommen die Möglichkeit, dem Teufelskreis Produktion zu entkommen. Das Mindesteinkommen befreit von der Bürde, jede Arbeit annehmen zu müssen und bedeutet ein Ende des Stigmas für SozialleistungsbezieherInnen. Für viele ist Grundeinkommen eine Utopie, utopisch für Harms hingegen ist die Rückkehr zur Vollbeschäftigung – und falsch: Im Deutschland des 20. Jahrhundert brachten nur die 25 Kriegs- und Nachkriegsjahre Vollbeschäftigung. Der Realität entspricht, dass momentan eine extreme Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse stattfindet, was ArbeitnehmerInnen zu TrapezkünstlerInnen ohne Netz und doppelten Boden macht, die ihr Leben nicht planen können. Flexibilität braucht aber Absicherung.

Ein Beispiel:

Bei der Genossenschaft Mondragón Corporación Cooperativa (MCC) geht es um Arbeit, nicht Kapital: Die spanische Firma hat ihre 80.000 Beschäftigten auf 260 Betriebe verteilt. Das Unternehmen verfügt über eine eigene Bank, ein eigenständiges Sozialversicherungssystem, ein Berufsbildungssystem und mittlerweile eine Universität. Mondragón investiert in Forschungsanlagen, innoviert permanent und ist technologisch stets auf dem neuesten Stand.

Das Bruttosozialprodukt rund um Mondragón zählt mit zu den höchsten in ganz Europa.

Doch global ablaufende Prozesse machen auch vor Mondragón nicht Stop. Auch Mondragón hat auf Grund von Schwierigkeiten schon ausgelagert, aber selbst in härtesten Krisenzeiten nie MitarbeiterInnen im Kernland Spanien entlassen — und dies, obwohl bislang drei Unternehmungen endgültig schließen mussten.

Die Angestellten der spanischen Firma Mondragón sind MiteigentümerInnen. Die Löhne bewegen sich auf hohem Niveau, dazu kommt eine Gewinnbeteiligung. Nicht zu jeder kleinen Entscheidung werden alle MitarbeiterInnen befragt. Aber wenn eine bestimmte Anzahl an MitarbeiterInnen mit einer Entscheidung nicht zufrieden ist, kann sie eine Versammlung einberufen, die Entscheidung revidieren oder im Ernstfall die Geschäftsführung absetzen. Irrationale Vergütungen für Manager sind bei Mondragón undenkbar.

Für entscheidend hält Harms Transparenz.

MitarbeiterInnen haben nicht nur an der Arbeit Teil, sondern sie wissen auch, wo die Firma steht, in welche Richtung sie arbeitet, und dass sie in Entscheidungsgrundsätze einbezogen sind.

Ein weiteres baskisches Kooperationsmodell ist die ArbeitnehmerInnen-Aktiengesellschaft, wie Betriebsübernahme durch ArbeitnehmerInnen hier genannt wird. Vielerortens gelten Betriebsübernahmen als problematisch, da tendenziell ältere und unqualifiziertere ArbeitnehmerInnen den Betrieb übernehmen, die auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben. Das Erfolgsgeheimnis im Baskenland liegt in der Begleitung während des Strukturwandels, die für Schlüsselkräfte und Kapital sorgt. Unterstützend wirkt auch die Möglichkeit, sich das gesamte Arbeitslosengeld, auf das Anspruch besteht, auf einen Schlag auszahlen zu lassen, um Kapital in eine Firma einschießen zu können.

Kooperationsmodelle sind auch aus Österreich und Deutschland bekannt: Das gemeinsame Bewirtschaften von öffentlichem Land auf so genannten Allmenden hatte lange Zeit Tradition. Ein Indiz, das für die Übertragbarkeit beteiligungsorientierter Modelle spricht.

Links:

telepolis: Die bescheidenen Ackermänner von Mondragon

brand eins: Der utopische Konzern