Ghana 2008

The African Cup of Nations wird vom 20. Jänner bis 10. Februar in Ghana ausgetragen. Ghana2008 ist nicht unbedingt ein Hype – in Europa. 16 Teams werden mit beherztem Fußball um den Titel kämpfen.

„Game over, Herr Bakary“, sagte der Sachbearbeiter zur Begrüßung und blätterte in seiner Akte.

Nach und nach werden die Afrikaner nun aufs Rollfeld eskortiert, links und rechts ein Polizist. Einige sind gefesselt.

„Wer bleiben darf, wer gehen muss“, sagt er, ist klar geregelt, „und ich habe die Gesetze nicht gemacht“.

Am 5. Juli 2005 kamen die Innenminister der wichtigsten europäischen Länder in Evian zusammen, um das Konzept der gemeinsamen Abschiebeflüge zu beschließen. Die Bekämpfung der illegalen Einwanderung sowie die konsequente Rückführung ausreisepflichtiger Ausländer, hieß es, seien das Kernstück einer gemeinsamen Migrationspolitik.

„Wie fühlst du dich?“, fragte wenig später ein Psychologe auf dem Polizeipräsidium. „Beschissen“, antwortete Belinda. Dann lächelte der Psychologe wissend: „Das ist völlig normal, das geht vorbei. 13 Jahre wart ihr jetzt in Deutschland, da habt ihr sicher viel gelernt, was ihr in eurer Heimat umsetzen könnt.“

Zwei Reihen weiter sitzt ihr Bruder Richie, der Sprecher seiner Klasse ist, und neben ihm Kokou, der beim FV Cölbe Fußball spielt. Ihre Mutter ist nicht hier. Sie wartet mit dem sechsjährigen Panajotis in Frankfurt darauf, dass man sie mit einem Linienflug nach Togo bringt. Kindern will man eine Sammelabschiebung ersparen.

Am Sonntag, dem 20 Jänner, findet das Eröffnungsspiel um 16.45 GMT zwischen Ghana und Guinea in Accra statt.

 

Es dämmert bereits, als die Maschine in Conakry, der Hauptstadt von Guinea, erstmals auf afrikanischem Boden zum Stehen kommt. Bewaffnete Reservepolizisten steigen aus und postieren sich auf dem Rollfeld, an den Enden der Tragflächen, unter dem Cockpit und der Heckflosse. In Guinea, berichtet Human Rights Watch, herrsche eine fest verankerte Kultur polizeilicher Brutalität. Das Auswärtige Amt [Anm.: in Deutschland] warnt vor willkürlichen Verhaftungen, skrupellosen Militärs und Folter. Genitalverstümmelungen, heißt es, seien gängige Praxis. Menschenrechtsorganisationen fordern seit Jahren, dass nach Guinea nicht mehr abgeschoben wird.

Immer wieder kommt es vor, dass Landegenehmigungen im letzten Augenblick zurückgezogen werden oder die Einwanderungsbehörden ihre eigenen Staatsbürger ablehnen. In Ländern, die kaum Rohstoffe besitzen, sind Migranten oft der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Nach Berechnungen der Weltbank überweisen sie im Jahr rund 170 Milliarden Euro in ihre Heimatländer, und je mehr Europa darauf drängt, sie loszuwerden, desto entschlossener feilscht Afrika um ihren Preis.

Immer häufiger legen afrikanische Länder jetzt Kontingente fest, die sie von Deutschland, Frankreich oder Spanien monatlich zurücknehmen, und deren Größe bemisst sich nach der Gegenleistung: nach Investitionen, Spenden oder anderen Gefälligkeiten. Es ist der Versuch, die Europäer gegeneinander auszuspielen, und deshalb fliegen nun in immer kürzeren Abständen Delegationen von Brüssel aus über das Mittelmeer, um die Afrikaner unter Druck zu setzen. Gemeinsam droht man an, Entwicklungshilfegelder zu blockieren, und das Fernziel ist, die schwachen Länder dazu zu bewegen, auch Bürger anderer Staaten aufzunehmen. Es scheint, als habe ein neues Wettrüsten begonnen, eine Art Kalter Krieg um Reisedokumente, Aufenthaltserlaubnisse und Rückkehrrechte, und beide Seiten fahren immer stärkere Geschütze auf.

Am Montag, dem 21. Jänner findet die Begegnung Mali gegen Benin in Sekundi statt. Beginn: 19 Uhr GMT.

Es ist die letzte Etappe nach Benin, und in den vorderen Sitzreihen dösen jetzt einige der Polizisten. Andere schwärmen vom Viersternehotel Marina.

Raimi hatte Pläne, er wollte mit Kühlschränken handeln, ein Grundstück kaufen, aber nun spürt er ein mulmiges Gefühl im Bauch. Es wird stärker, als die Maschine in den Sinkflug geht. Die Aussicht, mit leeren Händen heimzukommen, wühlt ihn auf.

Unter ihnen taucht Benin auf, Dantokpa, der wuselige Markt von Cotonou, dahinter der Hafen, von dem bis ins vergangene Jahrhundert unzählige Sklaven verschifft wurden. „Mündung des Todesflusses“ heißt Cotonou auf Fon, der Landessprache.

Sechs Jahre war Raimi weg, sechs lange Jahre, in denen er nur für die Zukunft lebte, aber alles war umsonst. Die Familie hat sein Geld einfach verprasst.

Etwa 140.000 Euro kostet eine Sammelabschiebung, etwa 70 Prozent davon erstattet nun die EU. Der Leiter der Abschiebung hat Verwaltungsrecht studiert, aber er klingt nicht wie ein Beamter, er klingt wie einer von McKinsey. Sobald er fünf Leute beisammenhat, stellt er seine Anfrage in das europaweite Polizeinetz und trommelt bei seinen Kollegen in den anderen Ländern für Passagiere. Kommt er in eine „Dimension, wo es sich lohnt“, schreibt sein Broker diesen Flug europaweit aus.
Belinda kam mit drei nach Deutschland, hatte mit 13 bei Aldi einen Kaugummi gezockt, mit 14 prügelte sie sich auf dem Schulhof. Den 18. Geburtstag wollte sie mit einer Grillparty feiern und freute sich auf den Winter.

Sie fühlte sich als Deutsche, aber vielleicht war das ein Fehler.


Der kursiv gesetzte Text stammt aus dem ©Zeitmagazin, Abschiebeflug FHE 6842 (Ausgabe 03/2008 vom 10.1.2008). Von Anita und Marian Blasberg. Der vollständige Artikel kann auf der Webseite der Zeit gelesen werden.
Die Highlights des Tages des African Cup of Nations werden in der Nacht auf BBC 3 gesendet. Das Finale am 10. Februar wird auf BBC 2 live übertragen. Alle Begegnungen sind auf der Webseite von The Times (Südafrika) nachzulesen.