Europa verabschiedet sich langsam, sicher und ohne langwierige Diskussionen von seinen großen Werten. Die Zeiten sind umbrüchlerisch geworden und alle möglichen Machtzentren versuchen ihre Ausgangspositionen, für die sich ankündigende digitale Epoche zu verbessern. Continue reading
Tag Archives: Überwachungsstaat
google knipst grenada das licht aus

suche auf wikipedia
er zündete bei tage ein licht an und sagte: “Ich suche einen Menschen”. dieser satz, der dem altgriechischen philosph diogenes zugeschrieben wird, trifft zweitausend jahre später auf mehr menschen denn je zu. das internet ist weniger eine fundgrube, als eine grube, in die die suchenden fallen.
Teurer Freund – Ghost Dog II
Die Zeitschrift Computerwelt wies vor zwei Jahren durch einen kleinen Kunstgriff auf die frappierende Ähnlichkeit heutiger Überwachungstendenzen mit faschistischen Systemen hin: Sie ersetzte im Reichs-Brieftaubengesetz der Nazis vom 10. Oktober 1938 das Wort Brieftauben durch technisch neuere Begriffe.
Die Möglichkeiten, die sich durch den intelligenten Einsatz von Tauben bieten, sind auch in Ghost Dog – The Way Of The Samurai zu sehen. Ghost Dog, ein Samurai, lebt mit seinen Tauben auf dem Dach eines Hauses, lässt sie gemeinsam fliegen und setzt sie gezielt als Kommunikationsmedium mit seinen Auftragskillern ein.
Der Taubenschlag auf dem Hausdach hat eine lange Tradition in allen Kulturkreisen. kash al-hamam, der Taubenkrieg, ist eine beliebte Auseinandersetzung arabischer Taubenzüchter. Nahe des Euphrats in Deir ez-Zur lassen Taubenzüchter in enger Formation ihre Tauben, gekennzeichnet mit bunten Bändern und kleinen Glocken, über die Stadt kreisen, auch im Libanon, in Beirut oder Baalbek ist dieses Schauspiel zu beobachten, mit Fahnen und Tönen wird der Taubenschwarm offenbar gesteuert. Ziel ist es, Tauben anderer Züchter dazu zu bringen, sich im eigenen Taubenkobel anzusiedeln. Der Taubenkrieg wird aber nicht überall nach den gleichen Regeln geführt.
Eine andere Beschäftigung mit Tauben und anderen flugfähigen Tieren entwickelte D. Waitzman. Am 1. April 1990 veröffentlichte die Internet Engineering Task Force, eine Organisation, die sich mit der Verbesserung des Internets befasst, sein Internet-Protokoll mit Aviaren, das RFC 1149, IPoA.
Was lustig klingt, gewinnt in Zeiten, in denen der Große Bruder immer mehr akzeptierter Bestandteil der gesellschaftlichen Organisation wird, auf einmal hochpolitische Brisanz.
2001 machte sich eine kleine Gruppe norwegischer Computer-Interessierter, die Bergen Linux User Group, daran, die theoretische Grundlage Waitzmanns in die Tat umzusetzen. Und sie waren von Erfolg gekrönt.
Datenschnüffler aller Länder können sich warme Pudelmützen anziehen.
"Der ping startete ungefähr um 12.15. Wir entschieden uns für einen 7,5 minütigen Intervall zwischen den Paketen, das würde ein paar Pakete unbeantwortet lassen, ideale Bedingungen. Manchmal kommt es aber anders, als man denkt. Ein Nachbar ließ seinen Taubenschwarm just zur selben Zeit fliegen. Zuerst wollten unsere Tauben nicht zurück, sie wollten in Gesellschaft der anderen Tauben ihren Ausflug genießen. Wer kann ihnen deswegen einen Vorwurf machen: Schien doch nach mehreren Tagen wieder einmal im verregneten Bergen die Sonne.
Aber der Instinkt siegte am Ende: Nach mehreren Stunden des Spaßes beobachteten wir, wie einige Tauben aus dem Pulk ausbrachen und sich in die richtige Richtung aufmachten. Die Freude war groß. Denn es waren UNSERE Tauben, weil kurze Zeit später erhielten wir den Bericht von der anderen Seite, dass sich die erste Taube auf das Dach niederließ. Das Internet Protokoll-Paket wurde sorgfältig vom Bein entfernt, geöffnet und gescannt."

Das Ergebnis lässt hoffen und die norwegischen Pioniere weiter arbeiten: Ein Paket-Verlust-Verhältnis von 55% und eine Antwort-Zeit zwischen 3000 bis zu über 6000 Sekunden kann als gute Ausgangsbasis für eine erfolgsversprechende Weiterentwicklung dieses Kommunikationsprotokolls gesehen werden.
2004 konnte von Wissenschaftern in Israel nachgewiesen werden, dass die Datenübertragung durch Tauben schneller als eine adsl-Verbindung funktioniert. Der Transport von rund 20 memory cards mit insgesamt 4 GB Daten von Olaho nach Ramat Hasharon betrug nur 2 Stunden 16 Minuten! PEI – Pigeon enabled Internet (Tauben unterstützes Internet) lag damit vor adsl. Allerdings dokumentieren sie auch Sicherheitslücken, da der Taubensinn für Recht und Unrecht noch sehr schwach entwickelt scheint.
Der Leitsatz der PEI-Entwickler lautet dementsprechend zwingend:
"Unterschätze niemals eine Taube, die mit einer memory card bestückt über deinem Kopf schwebt und bereit zum Download ist."- yossi vardi
Teurer Freund – Cher Ami I
Die Stadttaube ist einer der erfolgreichsten Kulturfolger und aus keinem Stadtbild wegzudenken. Aus Angst vor der Übertragung von Krankheiten soll das nun anders werden.
Aufgrund der wachsenden Verstädterung wird eine Verachtfachung der Taubenfamilie weltweit, auf 400 Millionen Individuen erwartet. Bei zwölf Kilo Fäkalien pro Vogel und Jahr fallen künftig rund fünf Millionen Tonnen Exkremente auf unsere Köpfe und Kulturstätten. Für Kommunalpolitiker und Hygieneexperten ein Horrorszenario, das Anfang November 2007 auf einem Taubenkongress im schönen deutschen Essen entworfen wurde.

Den Umstieg vom Brutvogel in Felswänden zur Stadtbewohnerin schaffte die Felsentaube, als im Mittelalter die ersten hohen Gebäude errichtet wurden und sie in den Ausscheidungen von Pferden eine Nahrungsgrundlage fand. Die stark wachsende Zahl der Tauben wurde zum Problem und die Taube schaffte den negativen Imagewandel von himmlischen Getier mit Olivenzweig im Schnabel zur Ratte der Lüfte.
- 1 Million Tauben in New York.
- 1 Million Tauben in Venedig (3 Tauben pro Einwohner).
- 150.000 Tauben in Wien (10 Einwohner auf 1 Taube).
Der Mensch ist in seiner Bosheit erfinderisch. Netze, Stacheln, Antibaby-Pille, Vergiftung, Erschießung, Sprengen, elektrischer Stuhl. Der Erfolg ist dennoch bescheiden.
Jetzt probiert man es anders: Wo die Keule nichts nutzt, dort wird Zuckerbrot eingesetzt. In Wien sollen eigens errichtete Taubenkobel die Taubenfamilien aus den Städten locken, Verbannung an den Stadtrand bei freier Kost und Logis. Doch schon regt sich der neidgetriebene und animalsoziophobe Widerstand menschlicher Zeitgenossen.
Doch woher rührt die plötzliche Angst vor dem Federvieh wirklich?
Sind Allergien, seltene übertragbaren Krankheiten und gesundheitsgefährdende Bakterien tatsächlich der Grund, warum Herrscher aller Länder nun dringenden Handlungsbedarf sehen?
Zahllose Treffer im Web belegen die Panikmache. Pilger auf der Haj nach Mekka sollen von den Tauben tödlich bedroht sein.
Zufällig oder nicht: Der Feldzug gegen die Taube entstand just in dem Moment als Bundestrojaner, Online-Durchsuchung und Handyortung die rechtsstaatlichen Errungenschaften der bürgerlichen Revolution 1848 nachhaltig in Frage zu stellen begannen.
Warum verboten 1938 die Nationalsozialisten jüdischen Mitbürgern die Haltung von Tauben?
Warum verboten die Taliban in Afghanistan der Bevölkerung die Haltung von Tauben?
Und: Warum sehen User als möglichen oder tatsächlichen Schutz vor überzogener staatlicher Kontrolle der elektronischen Medien allen Ernstes wieder die gute alte Brieftaube?
Tauben haben außerordentliche Orientierungsfähigkeiten, die bis heute unerforscht blieben. Das machten sich im 1. Weltkrieg die Militärs zunutze: Cher Ami rettete nicht nur viele Menschenleben – Cher Ami wurde auch zum Kriegshelden mit zahlreichen, auch posthumen, Dekorierungen! Cher Ami verstarb 1919 viel zu früh an den Folgen der Kriegsverletzungen.
Mehr demnächst!
