Hass und die Biopiraterie

Niemand kann sagen, woher die Hass genau herrührt. Gesichert ist: Wir verdanken die Hass einem gärtnernden Briefträger.In den späten 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts trug es sich zu, dass A.R. Rideout aus Whittier im fernen Kalifornien eine seltsame Avocado großzog. A.R. Rideout war ständig auf der Suche nach neuen Avocado-Varietäten, und dieses Mal hatte er etwas gänzlich Anderes.

Hass Avocado

Rudolph Hass, im Brotberuf Briefträger, erwarb von Rideout Samen dieser charakteristischen Avocado, um ihn als Veredelungsunterlage zu verwenden. Als diese Versuche allesamt nicht klappten, verhinderten Hassens Kinder die Fällung des Baumes, weil sie diese bestimmte Avocado der damals gängigen Fuerte-Avocado vorzogen.
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Was kostet die Welt?

Verlässliche Ziffern liegen derzeit noch nicht vor. An einer schlussendlichen Bewertung wird fieberhaft gearbeitet. Dann könnte auch ein Kaufpreis festgelegt sein.

Malva mauritiana

Meine kleine Malve kratzt schon an der halben-Meter-Hürde. Die Zahl ihrer Blüten zähle ich nicht mehr, nur das Schluckvermögen wird stündlich gemessen. Zwei Liter Wasser oder mehr oder sehr viel mehr. Sie säuft demnach ein Vielfaches an Wasser als vergleichbare Exemplare ihrer Spezies. Das besondere dieses Züchtungserfolges sind besondere makrobiologische Zellstrukturen.

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Das Begräbnis der Sardine

Große Fische lässt man laufen, kleine Fische nicht leben. Die europäische Welt ist ungerecht. Fish elsewhere!

Das Begräbnis der Sardine

1976 annektierte das Königreich Marokko völkerrechtswidrig das Gebiet der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara und sicherte sich damit auch den Zugriff auf eines der weltweit größten Phosphatvorkommen. Und gleich nebenan liegt der Atlantik mit reichen Fischgründen.

Diese wecken die Gelüste einer unterbeschäftigten europäischen Fischereiindustrie und beleben alte koloniale Traditionen.

In einem Rechtsgutachten des Juristischen Dienstes des Europäischen Parlaments wird festgestellt, dass die EU-Kommission gegen internationales Recht verstößt, wenn sie den Fischfang in den Meeresgewässern der von Marokko besetzten Westsahara durch europäische Fangschiffe nicht untersagt, berichtet oneworld.at. Das Gutachten kümmert die Europäische Kommission allerdings ebenso wenig, wie das massenhafte Sterben afrikanischer Flüchtlinge an den Grenzen zur Festung Europa. Indirekte Unterstützung erhält die Kommission dabei absurderweise von der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die die besetzten Häfen in Westsahara (Dakhla, Boujdour) im Landesprofil von Marokko anführt. Ungeachtet dessen hat die UNO das Mandat der MINURSO, der Friedensmission für die Abhaltung eines Referendums in der Westsahara, bis 30. April 2010 verlängert.

Fishelsewhere fordert einen Stopp des europäischen Fischfangs vor den Gewässern vor Westsahara bis der Völkerrechtskonflikt beigelegt ist.

Die Petition kann unter diesem Link unterstützt werden: http://www.fishelsewhere.eu/index.php?parse_news=single&cat=140&art=1039

fish elsewhere

Wasserbarone und Quellgeister

An den Ursprung, an die Quelle. Wer die Quelle kontrolliert, besitzt das Meer.
Was einfach klingt, kann manchmal ganz schön herausfordernd sein. Wer besitzt schon so viele Quellen, dass damit ein Meer oder mehrere gefüllt werden könnten? Und wie bringt man einen solchen Quellbaron dazu, das Recht an seinen Quellen einfach so an die Wasserbarone zu übertragen?

Bewährt hat sich die Machtfrage, wer oder was bestimmt mein Verhalten, außen vor zu lassen, sondern das gewünschte Verhalten, das persönliche Verhalten zu seinem eigenen umzudefinieren. Nicht: Du sollst dir alle drei Monate ein neues Handy, jedes Jahr ein neues Auto kaufen, sondern: Ja, ich will. Der türkische Minister für Energie und natürliche Quellen hat offen verkündet, dass er für die Privatisierung der Nutzung der türkischen Flüsse eintritt. Noch heuer sollen alle Flüsse, Seen und Quellen für 49 Jahre an die Wasserbarone verkauft werden.

Dalyan unter Felsengräbern
Beschränkte sich bisher die kapitalistische Verwertungslogik auf Wasserbereitstellung und -entsorgung oder den Bau von Wasserkraftwerken, so wird damit nicht nur eine ethische Grenze, sondern auch das Menschenrecht auf Wasser geräuschvoll den Gulli runtergespült.

Nicht zufällig begegnen uns an dieser Stelle alte “Bekannte” aus dem EU-Raum, die dann möglicherweise der Türkei bei Ausstellung des Prädikats “jetzt europareif” behilflich sein könnten. Die in diesem Zusammenhang genannten üblichen Suspekten sind die transkontinentalen Konzerne Suez und Veolia.

Im März 2009 wird in Instanbul zum fünten Mal das Weltwasserforum zusammentreffen, das vom Gründer des kanadischen Polaris Instituts und alternativem Nobelpreisträger Tony Clarke wegen des Einflusses der Wasserbarone als das False World Water Forum bezeichnet wird. Immerhin zählte zu seinen Mit-GründerInnen, freilich kein Zufall, der Konzern Suez.

Energischer Widerstand

wird von Seiten der türkischen Umwelt- und Sozialbewegung mit breiter internationaler Unterstützung gegen alle Versammlungen und Beschlüsse angekündigt, die weitere Privatisierung unseres Wassers zum Ziel haben. In Deutschland haben attac und die Gewerkschaft verdi eine Online-Kampagne gestartet.
Den Aufruf in türkischer Sprache findet sich hier.
Wasserbarone dürfen keine Quellgeister werden.

Tesekkür ederim!

Wir sind Krise

Die Krise als Chance? Während die Krisenmacher immer reicher werden, glauben die Krisenbeobachter an Chancen.Die Rekordhöhen für Rohstoffe wie Öl sind eine Blase, die jeden Moment platzen wird, schreibt Larry Elliot im britischen Guardian.

Die gegenwärtige Krise ist die Chance für eine globale, nachhaltige Entwicklung schreibt der Volkswirt Werner Raza im österreichischen Standard. Und ebendort schreibt Slavoj Zizek, dass die Krise alle zu verschlingen droht und einzig dieser Imperativ der letzte Ausweg ist: Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche!

Wolf D. Prix vom Archtitektur-Büro Coop Himmelblau ist wiederum skeptisch. Krisen sind ein Mittel der Herrschaft zur Disziplinierung der Massen, sagt er in einem Radio-Interview, und eine Radio-Moderatorin im bayerischen “Zündfunk” fragt, warum Demokratie ohne Kapitalismus nicht denkbar ist. Und was sagt meine liebste Politikerin auf dem gesamten Erdenrund, Bundeskanzlerin Angela Merkel: Von 14 ErdenbewohnerInnen ist nur mehr einer Europäer. Deswegen, liebe Europäer und Europäerinnen, geht hinaus in die Welt und predigt den restlichen 13 unsere Werte, weil die sind wirklich die besten.

Der Kakaobauer in Ghana hört es mit Freude, dass die Kakaopreise von allen Rohstoffen die beste Performance hingelegt hat. Allein seine Einkünfte werden auf dem gleich niedrigen Niveau dahin dümpeln. Aber das ist eben auch Teil unseres Wertesystems, von dem wir ihn überzeugen müssen. Müssen wir?
Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt zur Zeit gegen eine geplante EU-Richtlinie gegen Diskriminierung an. Enthalten soll auch ein Passus sein, der eine Begünstigung von verheirateten Paaren gegenüber unverheirateten als diskriminierend einstuft. Das Eintreten gegenüber Benachteiligungen von anderen Lebensentwürfen endet in Merkels universellem Wertesystem offenbar dort, wo meine Werte nicht mehr ihre sind.

Ich habe beim besten Willen keine Erklärung dafür, warum Bundeskanzlerin Merkel micht nicht mag, mir implizit unterstellt, geistiger Nicht-Europäer zu sein. Dafür trifft sich “ihre” Konrad-Adenauer-Stiftung lieber mit dem Verantwortlichen am größten Polizei-Massaker an AktivistInnen der brasilianischen Landlosenbewegung MST zum strategischen Gedankenaustausch gegen autoritäre Regime in Lateinamerika. Aber das ist eine andere, zynische Geschichte.

Der demokratisch verbrämte Kapitalismus wird tatsächlich immer dreister. Und Werner Raza hat wahrscheinlich recht, wenn er schreibt, dass die resultierenden Folgen die essentiellen Dinge des Lebens wieder zurechtbiegen. Nahrungsmittel wurden seit dem Entstehen der nördlichen Wohlstandsgesellschaft systematisch unterbewertet. Rohöl hatte am Weltmarkt verschenkt zu werden und ermöglichte erst ungezügelte Mobilität, unkontrollierte Umweltverschmutzung, hemmungslosen Konsumismus, weltweit verteilte Produktionsprozesse. Bis zum jetzigen Endpunkt dieses Prozesses die Hegemonie der virtuellen Spekulationsökonomie das Herrschaftssystem der Realwirtschaft ablöst und in der Lebensrealität aller zur unausweichlichen, apokalyptischen Tatsache wird.

Warum sollte sich daran was ändern? Slavoj Zizek analysiert zwar, dass durch die 68er-Bewegung nur der wertreaktionäre Kapitalismus durch einen hedonistischen Kapitalismus ersetzt wurde, aber er liefert keinen Erklärungsversuch, warum sich diesmal an diesem “Prinzip” des Wechsels von einem Herrschaftssystem zum andern was ändern sollte.

In einer Zeit, in der nicht einmal mehr die Selbstzerstörung für den kleinen Lustgewinn allgemein toleriert wird, kann da von Menschen ernsthaft ein Eintreten für das abstrakte Unmögliche erwartet werden? Kann von Menschen, die in den letzten zwei Generationen von Geburt an mit einem menschenwürdigen Begräbnis rechnen konnten und nun ihre Lebensstandards von banalen Dingen wie Brotpreisen gefährdet sehen, erwartet werden, dass sie ihre beruflichen und familiären Existenzen aufs Spiel setzen? Wer hat einen freien Kopf für solche Überlegungen, wenn gerade ganz persönlich gegen “die Krise” gekämpft wird?
Es braucht eine Hegemonie einer Ideologie der Sorglosigkeit, der geringen Ernsthaftigkeit und des Flatterhaften, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Ein Ende der Disziplinierung in den Köpfen.

Kopf ab, Rübe ab, alles ab

Kaum hat das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud im deutschen Hauptquartier seine Pforten geöffnet, wird behende ein Ausstellungsobjekt beschädigt. Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung, wie die Thüringer Allgemeine berichtet.

Unkundig der deutschen Rechtssprechung drängen sich bei der Schändung des wächsernen Führers noch gängige Tatbestände wie Störung der Totenruhe, Leichenschändung und Rufschädigung auf. Nun, wo nur mehr der Rumpf zu sehen ist, könnte wohl auch das Fotografierverbot aufgehoben werden.

Igel

Der Vorwurf der Sachbeschädigung ist nachvollziehbar. Schwieriger wird es, wenn das Quälen von Tieren unter diesen Paragrafen fällt.

Vor einigen Jahren griff eine Polizeistreife in der Wiener Prater Hauptallee frühmorgens einen Mann auf. Mitten auf der für den Verkehr gesperrten Straße lag ein Mann. Er war über einen Igel gebeugt, in der Hand eine Zange. Dem Igel fehlten ein paar Extremitäten. Die amtliche Frage nach seinem seltsamen Treiben in dunkler Nacht beantwortete der gute Mann so: “Ich mache mir gerade Köder zum Angeln.”

Wer schon jemals mit Schnur und Haken versucht hat, einen Aal zu landen, weiß, wie schwierig dieses Unterfangen ohne Köder zu bewerkstelligen ist. Das Bildungsbürgertum weiß, dass mit abgetrennten Rossköpfen, die über Nacht in einem Gewässer verstaut werden, die besten Resultate zu erzielen sind.

Der Aal ist ein besonderer Fall. Schlangenähnlich kriecht er nächtens übers Land, um irgendwo nahe karibischer Steuerparadiese das Aussterben der Art zu verhindern. Sein Blut ist giftig und führt bei Berührung zum Erbrechen. Als die Zeiten noch technischer waren, wurden führende Politiker noch als “Teflonkanzler” abgekanzelt. Heute muss emotionalisiert werden. Empathie, Relevanzmanagement und empfängerzentrierte Kommunikation sind die Schlagworte des gerade angesagtesten Coaching-Geschäftsmodells.

“Aalglatt ist der falsche Ausdruck. Gegen diesen Typus von Politiker greift sich ein Aal rauer an”, formuliert es ein Manager, der tausende junge und jüngste Österreicher und Österreicherinnen in den Besitz eines lukrativen Bausparvertrages bringt, und meint damit offensichtlich die neue SPÖ-Parteispitze.

Der Aal mag zwar glatt sein, aber peinlich ist er nie. Generell wird Tieren Peinlichkeit selten zugeschrieben. Loudon Wainwright III., das ist der Papa vom Rufus, für dessen Konzert in der “subkulturellen” Wiener Arena Adelige eigene VIP-Bereiche eingerichtet bekamen, besang einst das dahinstinkende Dead Skunk in the Middle of the Road und Rolf Dieter Brinkmann belächelte das Tote Stinktier auf der Straße, bevor er selbst von einem PKW überfahren wurde.

Die Peinlichkeit ist eine prioritäre Eigenschaft des Menschen, und hier des Öffentlichen Menschen. Der Politiker ist neben dem Arien-Sänger der einzige Öffentliche Mensch, dem der Wechsel ins peinliche Fach verboten ist (die USA, Frankreich, Italien und Nordkorea einmal ausgenommen). Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Gegensatz zu ihrem österreichischen Amtskollegen Alfred “Die Sandgrube” Gusenbauer ein Gespür dafür, Peinlichkeiten zu vermeiden.Und die deutsche Bundeskanzlerin ist lernfähig. Ortete sie vor einigen Wochen noch den Grund für die steigende Lebensmittelpreise darin, dass der geschäftstüchtige Chinese in naher Zukunft auch noch das Weight Watchers-Modell raubkopieren möchte, so bringt sie beim G8-Gipfel in Japan die Problematik der Bio-Kraftstoffe aufs Tapet, “damit hier keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion entstehen kann”.

Weitblick unterscheidet das menschliche Genom vom Tier. Das schließe ich aus der Tatsache, dass Tiere nie Bausparverträge abschliessen und keinesfalls Parteivorsitzende werden.

Wie der britische Guardian berichtet, erhob die Weltbank, dass die Nahrungsmittelpreise weltweit wegen der Produktion von Agrartreibstoffen um 3/4 stiegen. Die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion ist voll im Gange.

Nach der Verständigung Angela Merkels mit Peinlichkeits-Meister Frankreich über den CO2-Ausstoß der gesamten “Autoflotte” fehlt nur noch die Einrechnung des Tata Nano in die deutsche Autoflotte.

Soylent Green

Wien ernährt. Der Brot- und Gebäckabfall der Bundeshauptstadt könnte ganz Graz ernähren. Not macht mürbe.

Amerika ist bekanntlich grenzenlos. Dieser Mythos hält immer noch an. Vor Generationen wanderten viele EuropäerInnen aus Angst vor Verfolgung oder auf der Suche nach einem Leben, das mehr als Hunger und Armut zu bieten hat, nach Übersee aus. Sie landeten an der Ostküste und dehnten die Besiedlungsgebiete stetig nach Westen aus. No border – grenzenlos eben. Heute wandern sie wieder. Walk aways, weil sie ihre Hypothekarkredite nicht mehr bedienen können. Zum Reiseproviant auf dem Weg zum WohnmobilistInnen-Camp gehören auch ein paar Säcke Reis. Aber die gibt es nicht mehr. In den USA im Jahr 08 wird Reis nur mehr in haushaltsüblichen Mengen abgegeben. Rationierungen, wie sie typisch für Kriegszeiten sind.

Deutschland ist bekanntlich pragmatisch. Will man einen Krieg gewinnen, baut man zuerst Autobahnen. Will Deutschland der aktuellen Nahrungsmittelkrise begegnen, wird ein Bildungsprojekt in Asien gestartet. Lernziel: Caffè latte macht Löcher im Bauch. Das hat was, weil was dran ist. Wenn 1 Milliarde ChinesInnen morgens in der Kombinats-Cafetaria ein schäumendes Kaffeegetränk zu sich nehmen würden, keine Frage, die globalen Folgen sind enorm. VertreterInnen dieser Denkrichtung zählt man eher zur visionären Abteilung innerhalb der deutschen Gesellschaft. Besonders viele finden sich in den deutschen Eliten, die Deutschland vor- und weiterbringen. Deshalb hat die deutsche Gesellschaft eine pragmatische Version des deutschen Pragmatikers hervorgebracht.

Der pragmatische deutsche Pragmatiker ist kein Pragmatiker ohne Wenn und Aber. Bevor er pragmatisch handelt, überlegt er penibel sein Tun, verortet mögliche Wirkungen in lutheranischen Bezugssystemen, zeichnet seine Score Card und sucht nach Best Practice-Beispielen.

56 % der pragmatischen deutschen Pragmatiker haben eine Entscheidung getroffen, die die Welt vor Schlimmerem bewahren kann, wenn es hülfe, die Welt vor Schlimmerem zu bewahren.

56 % der pragmatischen deutschen Pragmatiker würden gentechnisch manipulierte Nahrungsmittel zu sich nehmen, wenn die aktuelle Nahrungsmittelkrise abgeschwächt werden könnte.

Aus der Sicht eines katholisch sozialisierten Kleinstaatlers fällt einem dazu nur eines ein: Vergelt’s Gott!

Luxus ist Macht

Plötzlich geht es wieder um die banalen Dinge des täglichen Lebens. Und
Peter Kriegs "Septemberweizen" wird wieder in den Lichtspieltheatern
gespielt.
Peter Krieg widmete das Buch zum Film mit dem Titel "Der Mensch stirbt nicht am Brot allein" einer Nicola "in der Hoffnung, daß solche Bücher einmal veralten". Das war 1981.

Knapp 30 Jahre später, im April 2008, titelt der britische New Statesman "How the rich starved the world" und erklärt das Jahr 2008 zum Jahr der "Food Riots". Ägypten, Haiti, Kamerun, Jemen, Senegal, die Philippinen, Mosambik, Elfenbeinküste, Indien waren allein heuer Schauplätze gewalttätiger Auseinandersetzungen, die ihren Grund in der schlechten oder schlicht unleistbaren Versorgung mit Grundnahrungsmitteln haben. Argentinien stellte dieser Tage seine Weizenexporte ein. Indien führt nur mehr die teure Sorte Basmati in die reichen Länder aus und verdoppelt die Reispreise binnen Tagen. Vietnam, zweitgrößter Reisexporteur, drosselt seine Ausfuhren um 1/5 und erhöht ebenfalls die Preise.

Als Staatsmann ist nur qualifiziert, wer sich auf die Frage des Weizens versteht. Sokrates

Europäische KonsumentInnen merken bislang "nur" steigende Preise. Die Gründe dafür werden gleich mitgeliefert. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel macht die Neureichen Chinas und Indiens dafür verantwortlich. Die trinken uns nämlich jetzt die Milch für die Tasse Kaffee weg und nehmen nun täglich ein zweites Mal Nahrung auf. Andere sind zu etwas komplexerem Denken gewillt und sehen einen Zusammenhang mit Missernten in Europa und Australien auf Grund des Klimawandels oder der völlig irren Strategie, Nahrungsanbauflächen als Treibstoffquellen für den motorisierten Verkehr zu verwenden.

maiskolbenförmige Marina City ChicagoDer New Statesman berichtet, dass die weltweite Ertragssteigerung im Maisanbau zwischen 2004 und 2007 durch die Ethanol-Erzeugung in den USA vernichtet wurde. Prognostiziert wird für nächstes Jahr, dass 1/3 der gesamten Getreide-Produktion der USA nicht für Lebensmittel, sondern für den Antrieb von Kraftfahrzeugen verwendet wird. Nur Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht neben erwähnten Veränderungen der Lebensumstände eine verfehlte Agrarpolitik in den Entwicklungsländern.

Der von den Menschen eher nicht akzeptierte Einsatz gentechnisch veränderter Nahrungsmittelpflanzen findet so doch noch seine Anbauflächen. Politisch ungeliebten ölproduzierenden Ländern (Naher Osten, Russland, Venezuela) wird das Treibstoff-Oligopol streitig gemacht. Die marode Immobilienspekulation sucht neue lukrative Betätigungsfelder. Rohstofftitel und hier die so genannten Soft Commodities, die landwirtschaftlichen Rohstoffe, boomen an den wichtigen Börsen. Einen Rohstoffmix bildet der GSCI Agriculture Total Return Index von der Investmentbank Goldman Sachs, der ausschließlich die Preisentwicklung von Agrarrohstoffen abbildet und ein realistisches Bild des Sektors zeichnet.

Zu den Soft Commodities zählen alle zum Verzehr geeigneten agrarischen Erzeugnisse wie Kaffee, Kakao, Zucker, Getreide, Mais, Ölsaaten, Orangensaft-Konzentrat und Fleisch. Globale Handelsplätze befinden sich in Chicago im Board of Trade, in der Londoner Liffe oder der vergleichsweise kleinen Warenterminbörse Hannover.

Wenn der Arme weint, lacht der Bäcker. Spanisches Sprichwort

"Kein Interesse der Investoren? Falsch. Eine der erfolgreichsten Aktien der argentinischen Börse ist der Agrarkonzern Cresud. Das Unternehmen besitzt und bewirtschaftet rund 120.000 Hektar Land. Rendite: rund acht Prozent nach Steuern. Der Immobilienentwickler Michael Kraus sammelt gerade bei finanzkräftigen Österreichern Geld ein, um in einen grossen Agrarbetrieb zu investieren – leider in Rumänien. Sein stärkstes Verkaufsargument: die Hausse in der Landwirtschaft", schreibt Arne Johannsen im österreichischen Wirtschaftsblatt.

Und nicht zuletzt erhält die global einseitige Verteilung von Grund und Boden eine geopolitische Rechtfertigung: Kleinbauern würden eher für den eigenen Bedarf produzieren. Dachte Frau Merkel gar an Brasilien, als sie laut das selbstverschuldete Unglück der Entwicklungsländer mitverantwortlich an den Hungerunruhen machte?

Der Reiche benutzte lieber Unfreie als Freie zum Kulitvieren des Bodens, von dem er die Bürger vertrieben hatte. Plutarch, 1. Jhdt. nach unserer Zeitrechnung

Brasilien ist einer der großen Player bei der Produktion von Ölsaaten (Sojabohnen) und hat große Erfahrungen mit der Treibstoff-Produktion aus Zuckerrohr. Und Brasilien ist mit an der Spitze, wenn es um Verteilungsungerechtigkeit geht. 46 % der gesamten Fläche Brasiliens werden von 1 % der Bevölkerung besessen. Die brasilianische Volkswirtschaft zählt zu den größten der Welt, und Sklaverei ist in der Provinz besonders bei den Nachfahren der verschleppten AfrikanerInnen, den Quilombolas, immer noch der Fall.
Patrus Ananias, Brasiliens Minister für soziale Entwicklung und den Kampf gegen den Hunger, verteidigt in einem Interview mit dem Standard die Ausrichtung der brasilianischen Agrarpolitik: "Es gibt Investitionen in Fleisch, aber auch in Soja und Mais. Eine Konkurrenz ist durch gute Normen und die großen Anbauflächen ausgeschlossen."

Große Anbauflächen werden zur Zeit in dem großen Trockengebiet im Nordosten Brasiliens, dem Sertão, erschlossen. Der Rio São Francisco wird mit aufwändigen Umleitungen, Stauseen und Pumpanlagen "verbessert". Die Regierung Lula erhofft sich davon eine bessere Wasserversorgung der Bevölkerung und der exportorientierten Landwirtschaft. Die lokale Bevölkerung erwartet indes nichts Gutes und formierte sich in einer breitangelegten Widerstandsbewegung: Der Bewegung der Landlosen (MST), der Bewegung der Umleitungsbetroffenen (MAB), der Bewegung der Kleinbauern (MPA), der Pastoralen Landkommission (CPT), der Pastoralen Fischer Kommission (CPP) gemeinsam mit Fischergemeinden und Indigenen.

Das Polaris-Institut, dessen Ziel die Verteilungsgerechtigkeit von Wasser ist, kritisiert, dass mit diesem Mega-Projekt lediglich die regierenden brasilianischen Eliten bedient werden, die Interessen der Großgrundbesitzer gestärkt würden.
Notwendig wäre aber eine Demokratisierung der Wasserresourcen. Da sogar die Weltbank Kredite für dieses Projekt verweigerte, werden die Investitionskosten von 2,4 Milliarden Euro auf die Bevölkerung abgewälzt. Geschätzt wird, dass sich dadurch die Wassergebühren verfünfachen werden.

AktivistInnen des MST

Anlässlich des diesjährigen "Tages der Landlosen", das im Gedenken der Opfer eines Massakers erinnert, bei dem Polizisten am 17. April 1996 nahe der Stadt Eldorado dos Carajas im Bundesstaat Para 19 AktivistInnen des MST erschossen haben, besetzten 850 Familien ein Wasserkraftwerk im nördlichen Bundesstaat Sergipe. Ihre Forderung: Bewässerungsprojekte wieder aufzunehmen, die vor einem Jahrzehnt ausgesetzt worden waren. Das "Projeto de Transposição", das Projekt der Ableitung von Wasser aus dem Rio São Francisco lässt Ähnliches befürchten: Shrimps-Produktion für den Export und Agrotreibstoffe für den Otto-Motor.

Die Verteilung von Land auf der Welt wird in der Diskussion um die gegenwärtige Nahrungsmittelkrise völlig ausgeblendet.

Ginge es tatsächlich um so wichtige Ziele wie Reduktion des CO2-Ausstoßes, wäre es wahrscheinlich ein guter Ansatz, den Anteil der militärischen Komplexe zu analysieren. Und da hätte Bundeskanzlerin Merkel Recht, wenn sie es gesagt hätte, dass auch die Entwicklungs- und Schwellenländer einigen Optimierungsbedarf haben.

Links & Anmerkungen

http://www.ewl-hueckelhoven.de/ Eine-Welt-Laden Hückelhoven – AktivistInnen-Seite zum Projekt Rio São Francisco
http://www.polarisinstitute.org – Webseite des Polaris Institus (engl.)
http://www.mst.org.br/ – Webseite der Bewegung der Landlosen Brasiliens (bras.)

Die Zwischenzitate wurden dem Buch DER MENSCH STIRBT NICHT AM BROT ALLEIN, Lesebuch zum Film Septemberweizen von Peter Krieg entnommen.

Wird das Getreide am notwendigsten gebraucht, dann raffen es uns diese Spekulanten gleichsam vom Munde weg und wollen es nicht abgeben, damit wir nicht etwa um den Preis feilschen können, sondern zufrieden sind, wenn wir überhaupt, um welchen Preis auch immer, etwas zu essen bekommen. Mitten im Frieden werden wir von diesen Händlern im Kriegszustand gehalten. Lysias, 355 vor unserer Zeitrechnung.

Von Barcelona nach Suez

Wussten Sie, dass im Pazifik zwischen Japan und Hawaii ein Plastikteppich schwimmt, der die doppelte Fläche der USA einnimmt? Und wussten Sie, dass Mexiko hinter Italien der zweitgrößte Verbraucher von Plastikflaschen ist?

In den USA und Kanada läuft zur Zeit eine differenzierte Debatte über die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung. Erhofft werden niedrigere Preise und der Einkauf von Know-How. Befürchtet wird, dass nur mehr Reichen sauberes Trinkwasser geliefert wird, dass der Grundwasserschutz keine Rolle mehr spielt und ein Transfer von lokalem Vermögen zu transnationalen Konzernen stattfinden könnte. Gerade aus den USA kommt nun die Forderung einer UN-Charta auf ein Menschenrecht auf Trinkwasser.

Bewohner dieser Straße haben keinen Blick auf den Torre AgbarDen Ursprung dieser Diskussion vermutet man in Europa. Europa habe eine lange Tradition in privater Wasserver- und entsorgung (siehe Frankreich und Großbritanien). Spannender Aspekt: Gerade europäische Konzerne drängen auf den nordamerikanischen Kontinent: Vivendi (Veolia Environnement), Suez (Tochter: Ondeo) (beide Frankreich), Thames Water (mit Beteiligung des deutschen RWE-Konzerns), United Utilities (beide GB), Aguas de Barcelona (Grupo Agbar, Spanien, seit Jänner 2008 mehrheitlich von Suez übernommen). Quelle: http://www.pbs.org).

Vivendi und Suez versorgen weltweit rund 200 Mio. Menschen mit Trinkwasser. Rund die Hälfte davon in Europa. Attac Deutschland berichtet über die Vernetzung der politischen und wirtschaftlichen Akteure mit Suez.

Das Polar Institute befürchtet durch den Vertrag von Lissabon (Dezember 2008) unter dem Deckmantel "Mehr Wettbewerb" eine vorangetriebene Privatisierung der öffentlichen Dienstleister. Und damit auch der meist lokalen und öffentlichen Wasserversorger.

Jan-Erik Gustaffson vom Königlichen Institut für Technologie verweist auf die Folgen der Privatisierung des größten schwedischen Wasserversorgers im Vorjahr, der Stockholm Water Company: massiver Stellenabbau, Kosteneinsparungen von 20% und damit befürchteter Einsparungen von Qualität und Leistungen. Die Liste schiefgelaufener Wasserprivatisierungen wird permanent länger und erste Reprivatisierungen finden statt.

Zuvor wurden die Tarife und Gewinne erhöht. Investitionen keine getätigt, wie Emanuele Lobina von der University of Greenwich berichtet.

Die Arbeiterkammer Oberösterreich berechnete einen Anstieg der Wasser- und Abwasserpreise um real 46% und eine Steigerung der Gewinne (vor Steuern) um 147%.

Auch der von der Europäischen Kommission geforderte Wettbewerb geht an der Realität des Marktes völlig vorbei gehen: In Frankreich werden mehr als vier Fünftel des Marktes von drei Unternehmen beherrscht.

Filmtipp

Vom 6. bis 9. März finden in Wien im Schikaneder-Kino, in Gleisdorf/Dieselkino und im Kino Kirchdorf/Krems Filmtage zum Recht auf Nahrung statt. Zu sehen ist auch der Film "Wasser unterm Hammer". Eine Doku zur Privatisierung der Wasserversorgung in England und Deutschland.